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Nizza:Frankreich rätselt über Motiv des Nizza-Attentäters

Nizza

Mohamed Lahouaiej Bouhlel, 31, ist bereits wenige Tage vor dem Terroranschlag mit dem gemieteten Lastwagen die Strandpromenade von Nizza abgefahren.

(Foto: AP)

Mohamed Lahouaiej Bouhlel hatte psychische Probleme und galt als nicht besonders religiös. Trotzdem scheint ein islamistischer Hintergrund möglich zu sein.

Von Leo Klimm

Der Anschlag von Nizza, bei dem mindestens 84 Menschen getötet wurden, sorgt in Frankreichs Regierung für tiefe Verunsicherung. Grund ist das verwirrende und neuartige Täterprofil des Attentäters Mohamed Lahouaiej Bouhlel, denn es lässt keine so eindeutigen Schlüsse zu wie bei den Urhebern des islamistischen Terrors von Paris im vergangenen Jahr. Es geht um das Motiv Lahouaiej Bouhlels und darum, welche Konsequenzen für die Terrorbekämpfung aus dem Anschlag gezogen werden müssen, der mit einem einfachen Lastwagen verübt wurde.

Staatspräsident François Hollande und Premierminister Manuel Valls legten sich früh fest, dass es sich bei Lahouaiej Bouhlel um einen islamistischen Terroristen handele, während Innenminister Bernard Cazeneuve dies zunächst nicht bestätigen wollte. Am Samstag sagte der Minister dann über Lahouaiej Bouhlel: "Es scheint, dass er sich in sehr kurzer Zeit radikalisiert hat."

Die Polizei nahm am Wochenende einen Mann und eine Frau in Gewahrsam. Den albanischen Staatsbürgern sowie einem weiteren Mann wird vorgeworfen, dem Täter geholfen zu haben. Insgesamt waren am Sonntag sechs Menschen in Polizeigewahrsam. Die Frau des Tunesiers, von der er getrennt lebte, wurde nach Vernehmungen freigelassen. Die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft in Paris, die nach möglichen Komplizen sucht, zeigt sich noch zurückhaltend im Hinblick auf die mutmaßliche Wandlung des 31 Jahre alten Tunesiers zum sogenannten Gotteskrieger.

Lahouaiej Bouhlel war nicht als radikalisierter Muslim bekannt

"Das ist ein neuer Attentatstypus", sagte Cazeneuve. Anders als die Terroristen der Pariser Anschläge im Januar und im November 2015 war Lahouaiej Bouhlel, der einen Wohnsitz in Nizza hatte, den Sicherheitsbehörden nicht als radikalisierter Muslim bekannt. Nach der Tat wurde weder bei ihm noch in seiner Wohnung ein Bekenntnis oder ein Hinweis gefunden, dem zufolge er dem sogenannten Islamischen Staat (IS) Treue geschworen hätte. Die Terrororganisation vereinnahmte den Attentäter am Samstag in einer Mitteilung dennoch als "Soldat des IS", der die Aufrufe der Organisation zu Massakern in westlichen Staaten befolgt habe.

Französischen Medien zufolge haben die Ermittler bei der Auswertung von Lahouaiej Bouhlels IT- und Telefonkontakten Verbindungen zu Omar Diaby gefunden, der den Behörden aus der Dschihadisten-Szene von Nizza bekannt ist. Mehrere Zeugen sollen zudem erklärt haben, Lahouaiej Bouhlel habe sich seit Kurzem sehr religiös gezeigt. Andere Personen, unter ihnen der Vater des Attentäters, berichteten von psychischen Problemen, für die er in Tunesien einst in Behandlung gewesen sei.

Weitere Bekannte bezeichneten ihn als Lebemann, der früher Alkohol trank und keineswegs religiös war. Eine Hypothese ist daher, dass private Probleme und eine psychische Labilität Lahouaiej Bouhlels schon ausreichten, um ihn in kurzer Zeit für die IS-Hasspropaganda anfällig zu machen, ohne dass ein direkter Auftrag des IS zu einem Anschlag nötig war. Bestätigt sich dies als Präzedenzfall, würde das den Anti-Terror-Kampf der französischen Regierung weiter erschweren.

Freiwillige sollen sich einem Reservistenverband anschließen

Cazeneuve rief "alle patriotischen Franzosen, die dazu bereit sind", auf, sich einem Reservistenverband anzuschließen, in dem Freiwillige mit und ohne militärische Vorerfahrung aktiv sind. Die Reserve soll in den nächsten Jahren von gut 50 000 auf 63 000 Personen aufgestockt werden. Die Regierung will so Militär und Polizei entlasten, etwa beim Schutz der Grenzen und in der Cyber-Abwehr.

Hollande rief die Franzosen zur nationalen Einheit auf. Zuvor hatte es Vorwürfe der konservativen und rechtsextremen Opposition gegeben, die Regierung sei wegen Fehlern in der Terrorbekämpfung mitverantwortlich für das Massaker von Nizza. Premier Valls sagte, der Terrorismus werde "weitere Leben kosten. Der Terrorismus wird für lange Zeit Teil unseres Alltags sein". Einer vorläufigen Bilanz zufolge starben beim Anschlag in Nizza 84 Menschen, 303 wurden verletzt. 18 von ihnen rangen am Sonntagnachmittag noch mit dem Tod. Die französische Regierung versprach, sie werde noch in dieser Woche erste Entschädigungen an Opfer des Anschlags auszahlen.

© SZ vom 18.07.2016/sih

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