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Geert Mak zur Niederlande-Wahl:"Geert Wilders will gar nicht regieren"

Der niederländische Schriftsteller Geert Mak erklärt, wer den Rechtspopulisten Wilders unterstützt, vor welchen Problemen die nächste Regierung steht und wo eine neue Trennlinie in Europa verläuft.

Geert Mak, Jahrgang 1946, arbeitete zunächst als Journalist und ist einer der bekanntesten Intellektuellen der Niederlande. Zuletzt erschienen In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert (Siedler) sowie der Band Niederlande in der Reihe Die Deutschen und ihre Nachbarn (Beck).

Geert Mak

Geert Mak, einer der bekanntesten Intellektuellen der Niederlande, ist überrascht: Seine Landsleute begehren weder gegen Banker noch den Marktradikalismus auf.

(Foto: Bob Bronshof/C.H. Beck)

2008 erhielt Geert Mak, der in Amsterdam und Friesland lebt, den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

sueddeutsche.de: Die Niederländer wählen ein neues Parlament. Das Land redet nicht mehr über die Probleme mit der Integration, sondern über die Wirtschaft. War die Krise nötig, um den Populisten Geert Wilders zu stoppen?

Geert Mak: Sie beschleunigt einen Prozess, der schon vor der Finanzkrise begonnen hat. Geert Wilders und seine Partei für die Freiheit (PVV) sind schon über den Höhepunkt hinaus. Viele Wähler der PVV hatten zuvor erklärt, dass sie Herrn Wilders auch nicht wirklich mochten und seine Äußerungen als zu radikal empfanden. Doch sie stimmten für die PVV, weil sie den Politikern einen Denkzettel verpassen wollten.

sueddeutsche.de: Woher kommt dieser Zorn?

Mak: Um dies zu verstehen, muss man die Geschichte kennen. Wir hatten jahrzehntelang ein Modell der Säulen, in denen sich die verschiedenen Gruppen organisierten. Es gab katholische Universitäten, protestantische Zeitungen und sozialistische Schulen.

Die Gruppen hatten das Land unter sich aufgeteilt. Aber das gab der Politik eine Struktur. Unsere Toleranz ist in einem Nebeneinander, einem Wegschauen begründet. In den sechziger Jahren wurden die Strukturen aufgebrochen, doch die Säulen hatten ihr Gutes: Sie waren ein informelles, demokratisches System, das die Politiker disziplinierte. Nun sind die Säulen weg, aber die politische Elite ist immer noch gleich. Das sorgt für Unbehagen.

sueddeutsche.de: Geert Wilders ist nicht der Erste, der diese Gefühle anspricht und für sich nutzt.

Mak: Das stimmt. Und diese Rebellionen gegen die Eliten tragen auch unterschiedliche Kleider. 2001 war Pim Fortuyn sehr erfolgreich, der vor seiner Ermordung viele Probleme ansprach - ihm ging es nicht nur um Integration, sondern auch um Renten- oder Gesundheitspolitik. Das "Nein" beim Referendum zur EU-Verfassung 2005 war auch ein solcher Protestschrei. Momentan profiliert sich nun Geert Wilders mit seiner fundamentalen Islam-Kritik.

sueddeutsche.de: Die Leute fühlen sich also weiterhin nicht gut repräsentiert.

Mak: Die Leute haben das Gefühl, dass das System der Checks and Balances nicht funktioniert. In der CDA, der christdemokratischen Partei, die seit 2002 mit Jan Peter Balkenende den Premier stellt, und bei den Sozialdemokraten gab es viele Leute, die alles taten, um an der Macht zu bleiben. Es gab keine Visionen mehr. Zugleich ist der Erfolg der PVV ein Prozess der Normalisierung.

sueddeutsche.de: Inwiefern ist die Unterstützung eines Rechtspopulisten normal?

Mak: In allen Ländern Westeuropas gibt es 15 bis 20 Prozent der Wähler, die solche populistischen Bewegungen unterstützen - siehe Österreich, Belgien, Frankreich oder Großbritannien. Die Linke in Deutschland ist ja auch eine Protestpartei. Wir sind also ganz normal, aber für uns Niederländer war das ein großer Schock - denn wir dachten, dass wir etwas Besseres seien.

Eine Besonderheit der Niederlande liegt darin, dass diese 15 bis 20 Prozent bisher schlecht organisiert sind. Die PVV ist keine richtige Partei, denn sie hat eigentlich nur ein einziges Mitglied.

sueddeutsche.de: Das ist Geert Wilders selbst.

Mak: Genau. Wilders ist diese Partei. Mittelfristig kann man sich als politische Bewegung so nicht organisieren. Man muss Verantwortung abgeben. Es braucht einen Mittelbau, um im Land vertreten zu sein. Dafür benötigt man Hunderte Leute. Wenn dies nicht geschieht, werden die wenigen Leute, denen er vertraut, rebellieren. Das ist auch schon geschehen. Ich habe das Gefühl, dass Wilders eine gewisse Gefahr für das politische System der Niederlande darstellt - aber zugleich hält sich die Bedrohung in Grenzen, weil er keine schlagfähige Partei bilden kann.

sueddeutsche.de: Was lässt ihn zögern, Verantwortung abzugeben?

Mak: Wilders hat von Pim Fortuyn gelernt. Dieser hatte das Gefühl, einen Geist aus der Flasche gelassen zu haben, der nicht mehr zu bändigen war. Er sprach vor seiner Ermordung über die Enttäuschung, dass er die Kontrolle über seine Partei verloren hat. Wilders hat dies beobachtet und will deswegen alles in einer Hand behalten.

sueddeutsche.de: Politische Verantwortung kann er so nicht übernehmen.

Mak: Geert Wilders kann und will gar nicht regieren. Nach den Erfolgen bei den Kommunalwahlen in Den Haag und Almere im März stellte die PVV so hohe Forderungen, dass die anderen Parteien sie gar nicht erfüllen können.

Wilders bietet ja auch keine Lösungen an, sondern erklärt alles mit der Religion. Dabei wissen die Leute, die in Vierteln mit vielen Einwanderern leben, dass die dortigen Probleme mit Drogenkriminalität und Arbeitslosigkeit nichts mit Religion zu tun haben. Die marokkanischen Jugendlichen, die keine Perspektive sehen und randalieren, gehen doch nicht in die Moschee oder empfinden sich als religiös. Die Probleme hängen mit den sozialen Hintergründen zusammen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wo die Partei von Geert Wilders besonders erfolgreich ist und welche Rolle die Medien bei seinem Aufstieg spielten.