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Niederlande:Die dunkle Seite von Thierry Baudet

Traum von einer Wiederkehr des 19. Jahrhunderts: Thierry Baudet bei einem Interview in Amsterdam.

(Foto: Robin van Lonkhuijsen/AFP)

Der Nationalist hat einen innerparteilichen Aufstand niedergeschlagen. Doch wurde dabei offenbar, wie weit rechts er wirklich steht.

Von Thomas Kirchner

In den Niederlanden ist dieser Tage die Implosion einer rechten, nationalistischen Partei zu beobachten, die sich noch vor Jahresfrist Hoffnungen gemacht hatte, dritt- oder gar zweitstärkste politische Kraft im Lande zu werden. Thierry Baudet hat das Forum für Demokratie, das er vor vier Jahren gründete, in einen Abgrund aus Antisemitismus und Rassismus geführt, gefolgt von einem gnadenlosen internen Machtkampf. Den hat Baudet nun zwar gewonnen, steht aber nur noch einem Torso vor - und muss von vorn beginnen.

Der 37 Jahre alte Baudet schien alles zu haben, was ein nationalistischer Parteiführer in Westeuropa braucht, um weit nach oben zu kommen: Er ist intelligent, telegen, narzisstisch, stets für eine Überraschung gut, hat Qualitäten als Schauspieler und politischer Komödiant.

Manche Medien, auch liberalere, hatten sich regelrecht verliebt in ihn und begleiteten seinen Aufstieg zum neuen Star der Rechten mit unverhohlener Faszination und wenig Distanz: wie der frühere Jura-Dozent im Jahr 2015 ganz Europa zum Narren hielt mit einem erfolgreichen Referendum gegen den Assoziationsvertrag der EU mit der Ukraine; wie er dann in die Politik ging, das Forum 2019 zu einem sensationellen landesweiten Sieg bei den Provinzialwahlen führte, und wie die Umfragewerte immer besser wurden.

Baudet gelang es, sich als freundlichen Konservativen zu stilisieren, als Alternative für Wähler, denen die Rechtsliberalen von Ministerpräsident Mark Rutte zu lasch und die PVV von Geert Wilders zu sehr auf die Islamkritik fixiert waren. Das Forum, das gegen die EU wettert, die Migration stoppen will und den Klimawandel für eine linke Erfindung hält, wurde derart salonfähig, dass es auf regionaler Ebene schon in erste Regierungskoalitionen einbezogen wurde.

Das Spiel mit der Hundepfeife

Weniger beachtet, eher belächelt, zum Teil auch bewusst übersehen wurde die dunklere Seite Baudets: sein Traum von einer Wiederkehr des 19. Jahrhunderts, sein Hass auf die Moderne und ihre Ästhetik, sein reaktionäres Frauenbild, seine unverhohlene Xenophobie, seine Theorien von "weißer Dominanz", seine Bekanntschaft mit einschlägigen Vertretern der europäischen und amerikanischen identitären und Alt-Right-Szene, etwa dem Rassisten Jared Taylor, aber auch mit Rechtsextremisten wie Jean-Marie Le Pen.

Nicht dass Baudet alle Beobachter mit der Nase auf sein Denken stieß. Das hätte eine breitere Wählbarkeit verhindert. Vielmehr spielte er das "Hundepfeifen"-Spiel, das auch deutsche AfD-Politiker wie Björn Höcke beherrschen: Man äußert sich in Codes, die in der rechten und rechtsintellektuellen Szene sofort verstanden werden. Ein Beispiel ist die "boreale Welt", über die Baudet mehrmals gesprochen hat, ein Terminus, der zwar eigentlich nur "nördlich" heißt, von Kennern der faschistischen Ideologie aber mit "arisch" übersetzt würde. Zum Spiel gehört, sich hinterher öffentlich dumm zu stellen und die verfolgte Unschuld zu markieren.

Der Erfolg dieses Spiels ist Baudet zum Verhängnis geworden. Der Parteichef stützt sich auf eine Basis, die solche Codes lesen kann und goutiert. Vor allem in der Nachwuchsorganisation JFVD ist diese Fraktion stark. Deren Vorsitzender Freek Jansen ist ein enger Vertrauter Baudets. Als eine Zeitung kürzlich antisemitische und rassistische Äußerungen aus Chats von JFVD-Mitgliedern veröffentlichte, räumte Baudet nicht etwa auf, sondern stellte sich schützend vor Jansen.

Das führte innerparteilich zu heftiger Kritik und erweiterte den schon länger bestehenden Graben zwischen dem selbstherrlichen Parteigründer, der sich für unersetzbar hält, und dem moderaten Teil. Baudet sprach von "Dolchstößen", trat zunächst als Parteichef ab, dann schlug er zurück: Er organisierte ein schnelles Mitgliederreferendum, bei dem drei Viertel der Abstimmenden zu ihm hielten. Mehrere Mitstreiter im nationalen Parlament, viele regionale Amtsträger sowie alle Europaabgeordneten des Forums haben die Partei verlassen.

Antisemitisch im privaten Rahmen

Baudet will nun nach vorn blicken auf die Parlamentswahl im Frühjahr. Doch wird er schwer belastet durch Vorwürfe seiner Kritiker, die einen Blick auf den echten Baudet erlaubten. Demnach hat er sich bei privaten Zusammenkünften unverhohlen antisemitisch und verschwörungsideologisch geäußert.

"Auf einmal rief Thierry, dass George Soros und andere Corona in die Welt gebracht hätten, um uns unsere Freiheit zu nehmen und eine neue Weltherrschaft zu errichten", berichtete ein Mitglied der Parteiführung. Ein ehemaliger Kompagnon, der das Ukraine-Referendum mitorganisierte, trug weitere Hinweise auf antisemitische Überzeugungen des Politikers zusammen.

Vorerst bleibt Baudet den Niederlanden als Politiker erhalten, dessen Wirken sehr unterschiedlich interpretiert wird. Manche fragen, warum viele Medien lange Zeit so unkritisch über Baudet berichteten, obwohl dessen ideologischer Standpunkt längst bekannt hätte sein müssen. Martin Sommer hingegen, Kolumnist der Zeitung De Volkskrant, hält Baudet für das Symptom einer gesellschaftlichen Krankheit. Wie Donald Trump in den USA habe er Dinge zu sagen gewagt, über die andere schweigen. Sein Denken sei in gewisser Hinsicht vergleichbar mit der "Woke"-Bewegung, die überall Rassismus sehe - mit dem Unterschied, dass Letztere gesellschaftlich akzeptiert werde.

© SZ/bepe
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