Neuer Gaza-Krieg Angstvolle Lähmung hat sich über den Küstenstreifen gelegt

Von Beit Hanun im Norden bis nach Chan Junis im Süden des Gazastreifens fährt man über menschenleere Straßen. Begleitet allein vom ewigen Surren der Drohnen, die wie unsichtbare Insekten den Himmel beherrschen. Aufgeschreckt immer wieder durch dumpfes Donnern, dem irgendwo der Aufstieg einer Rauchsäule folgt.

Rechts die Überreste einer ehemaligen Ambulanz, die mit einer Tonne Sprengstoff eingeebnet wurde. Links das ausgebrannte Wrack einer Mercedes-Limousine, das Blech noch warm vom Feuer in der Nacht zuvor. Bei manchen Trümmern weiß man auf den ersten Blick nicht einmal, ob sie diesem Waffengang entstammen oder dem vorherigen. Der Gazastreifen mit seinem ewigen Kreislauf der Gewalt wäre ein weites Feld für Kriegsarchäologen, die die Schäden in Schichten abtragen könnten.

Nur an einem Ort herrscht hektisches Treiben: im größten Hospital

Angstvolle Lähmung hat sich ausgerechnet im Feier- und Fastenmonat Ramadan über den schmalen und nur 40 Kilometer langen Küstenstreifen gelegt - und nur an einem Ort herrscht rund um die Uhr hektisches Treiben. Es ist das Schifa-Hospital von Gaza-Stadt, das größte Krankenhaus im Küstenstreifen und nun der Ort des größten Durcheinanders. Hierher werden viele der Verletzten gebracht mit lautem Hupen, und noch vor den Ärzten und Pflegern stürzen sich die Fotografen auf die Opfer. Es ist ein Chaos, dessen auch mehrere Dutzendschaften der Polizei in blaugescheckten Uniformen kaum Herr werden können.

"Selbst Hunde lassen wir nicht vor die Tür"

Angst, Frust, Verzweiflung, Erschöpfung: Israelische Raketen schlagen im Gazastreifen ein, zertrümmern Häuser, verletzen, töten - und in Israel schlagen Raketen aus Gaza ein. Protokolle von Menschen zwischen den Fronten. Von Antonie Rietzschel mehr ...

Im Hof des Hospitals ist eine Art Pressezentrum entstanden. Hier werden Neuigkeiten ausgetauscht, hier hat das "Medienbüro der Regierung" in der prallen Sonne eine kleine Bühne errichtet mit einem Rednerpult vor palästinensischer Flagge, auf der hochoffiziöse Informationen verbreitet werden. Doktor Aschraf al-Khedra aber hat keine Zeit für solche Schaufensterreden, er hetzt durch die Flure des Hospitals und kämpft mit dem weiter anschwellenden Notstand. "70 Prozent der Verletzten sind Zivilisten, zwei Drittel der Toten sind Frauen und Kinder", sagt er, "da sieht man, was für Verbrechen die Israelis begehen."

Von den Ärzten geht keiner nach Hause

Tag und Nacht sind die Ärzte im Einsatz. Keiner geht nach Hause, alle schlafen im Krankenhaus. Doktor al-Khedra selbst sieht in seinem zerknitterten weißen Kittel mit dem Emblem des Roten Halbmonds auf der Brusttasche aus, als hätte er schon lange keine Ruhe mehr gefunden. "Wir wissen nicht mehr, wie wir das bewältigen sollen", sagt er. Schon in normalen Zeiten herrscht hier Knappheit an vielem, doch nun droht alles zusammenzubrechen. "In zwei Tagen werden wir keine Medikamente mehr in Gaza haben", prophezeit er.

Bestätigt werden seine Sorgen und auch seine Vorwürfe von Christian Cardon, der das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (ICRC) im Gazastreifen vertritt. Der Belgier ist gekommen, um sich im Schifa-Hospital einen Überblick darüber zu verschaffen, woran es mangelt. Doch auch ihm selbst sind allzu oft die Hände gebunden in diesem Krieg, der in seiner Wucht doch viele überrascht, die sonst so schnell nichts mehr verwundert.