Naturschutz:Der Schatz am Gartenzaun

Wie Bäume und Steine zum Denkmal werden.

Von Jan Heidtmann

Jetzt, da auf der Straße ohnehin nicht viel zu erleben ist, präsentiert Berlin eine ganz eigene Form von Stadtführer. Soeben hat die Senatsverwaltung für Umwelt eine Liste mit mehr als 700 Exponaten öffentlich gemacht, 60 davon sind neu. Diese sind in der gesamten Stadt verteilt, aber nicht von Menschenhand geformt, sondern von der Natur geschaffen. Nun sollen sie von Amts wegen zu Denkmälern erklärt werden. Bäume sind darunter, so dick, dass man darin wohnen könnte, Findlinge, vor Zehn-, Hunderttausenden Jahren aus Skandinavien in die Stadt "gespült", oder auch mal eine Wassersenke. "So einzigartig, so einmalig" müsse eine Naturerscheinung sein, "dass sie unter Schutz gehört", erklärt Derk Ehlert von der Umweltverwaltung. Dann komme sie auf die Liste.

Diese sogenannten Einzelschöpfungen sind nach ganzen Schutzgebieten oder einzelnen Parks die kleinste Einheit im Naturschutz. In ganz Deutschland gibt es Zehntausende davon. In München-Aubing wurde eine Rosskastanie zum Denkmal erklärt, in Nordrhein-Westfalen gleich ganze Alleen; eine Felsformation bei Pirmasens gehört genauso dazu wie ein Wasserfall in Dresden.

Der Forscher und Entdeckungsreisende Alexander von Humboldt war offenbar der Erste, der den Begriff des Denkmals auch auf die Natur anwendete. Inzwischen führt das Bundesnaturschutzgesetz derartige Prachtexemplare als eigene Kategorie. "Alle Handlungen, die zu einer Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung des Naturdenkmals führen können", seien verboten, heißt es dort. Das zielt vor allem auf ehrgeizige Bauherren ab, wobei selbst ein geschützter Findling schon mal weichen muss, wenn eine neue U-Bahn-Trasse gebaut wird.

Alle acht bis zehn Jahre werden die Denkmal-Listen überarbeitet

Der größte Teil der Naturdenkmäler sind jedoch Bäume, in Berlin derzeit allein 588. Anders als die von Menschen geschaffenen Denkmäler, die meist auch nur von Menschen gestürzt werden, ist das Gros der Naturdenkmäler deshalb vergänglich. Äste werden von Stürmen abgerissen oder Bäume sterben langsam ab. So wie die dicke Marie, eine geschützte, Hunderte Jahre alte Eiche in Tegel, in der schon die Humboldt-Brüder gespielt haben. "Die Trockenheit der vergangenen Jahre spielt da auch eine Rolle", sagt Ehlert.

Alle acht bis zehn Jahre werden die Denkmal-Listen überarbeitet. "Das ist ein Riesenprozess", meint der Naturschützer. Abgänge müssen genauso aufgespürt werden wie neue Aspiranten. "Die meisten Vorschläge kommen aus der Bevölkerung." Mehrere Tausend laufen da in einem Jahrzehnt auf, sie werden dann von den Mitarbeitern der Grünflächenämter auf ihre Schutzwürdigkeit hin untersucht. Eine kniffelige Aufgabe, weiß Ehlert. "Denn, was schön ist, das ist schon relativ. Dafür brauchen Sie nur in die Vorgärten zu schauen." Eine prächtige Krone, weit verzweigte Äste, auch besonders kräftiges Laub gehören zum Beispiel bei Bäumen zum amtlichen Verständnis von "schön". Einen guten Monat haben die Berliner nun Zeit, die Listen mit den Neuzugängen zu studieren und Kritik anzumelden.

Dass die Ressource Denkmal einst erschöpft sein könnte und die Liste geschlossen werden müsste, da macht sich Ehlert keine Sorgen. Schließlich handele es sich um Naturereignisse. "Pflanzen wachsen da durchaus rein", sagt er. "Und neue Findlinge tauchen manchmal einfach im Boden einer Baugrube auf."

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