Nationen-Stereotype in Europa Die Polen: Trunkenbolde und Frömmler?

(Foto: Karikatur: Oliver Schopf, Süddeutsche Zeitung)

Diese Klischees stimmen - aber nur bedingt. Nichts spricht dafür, dass die Polen beim Trinken stark vom europäischen Durchschnitt abweichen. Woher stammt also das Bild vom "saufenden Polen"? Vielleicht daher, dass nur sieben Prozent der Konsumenten fast die Hälfte der Gesamtmenge an Alkohol trinken.

Vor dem Geschäft in meinem Wohnort bei Warschau treffe ich immer dieselbe kleine Gruppe von Männern, die zu jeder Tages- und Nachtzeit Bier und Wodka trinkt, auch frühmorgens, auch wenn Schnee fällt.

Katholiken sind die Polen tatsächlich, mit der Kirche liegen sie aber häufig über Kreuz. Nach einer Umfrage vom November 2011 bezeichnen sich 95 Prozent meiner Landsleute als Katholiken und 92 Prozent als gläubig. Doch nur noch vier von zehn Polen geben an, dass sie die Sonntagsmesse besuchen.

Etwa die Hälfte der Polen spricht sich einer Umfrage vom Herbst 2011 zufolge - gegen die Kirchenlehre - für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch aus. Ebenso wenig teilt ein Großteil der Polen die Meinung der Kirche zur Verhütung und zur Ehescheidung. Bigotterie, verstanden als eifernde Zurschaustellung der Religiosität, ist weitaus weniger verbreitet, als es die Statistik vermuten ließe.

Offen bleiben muss auch die Frage, was die Menschen eigentlich von ihrer Religion wissen. Nach einer Umfrage von 2009 glaubt ein Drittel an die Seelenwanderung, 42 Prozent, dass Tiere eine Seele haben, und nur 59 Prozent an die Hölle. In Polen kann man also als ein ungläubiger Katholik, der die Seelenwanderung propagiert, kirchlich heiraten. Und offenbar ist dies gar nicht so selten.

Antisemitismus existiert, aber eher in Klischees, die ihren Weg ins Unbewusste gefunden haben, als in der realen Politik. Kürzlich hörte ich, wie ein Zehnjähriger zu seinem Freund, der ihm sein Spielzeug nicht geben wollte, "Du Jude!" sagte. Keiner von beiden konnte sagen, was ein Jude ist. Beide waren überrascht, als ich sie danach fragte.

Adam Leszczynski (Gazeta Wyborcza)