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Nahost:"Dies hier ist mein Land"

Das Jordantal ist von Israel zur Annexion vorgesehen - genau dort will der Farmer Muwafek Hashem nun ein Musterdorf für palästinensische Bauernfamilien bauen. Das ruft jüdische Siedler auf den Plan.

Von Peter Münch, Jericho

"Willkommen in Al-Awsaj", sagt Muwafek Hashem und weist mit großer Geste in die Leere ringsherum. Die hellbraunen Hügel verschwimmen am Horizont mit dem milchigen Himmel, ein paar Gazellen sind zu sehen, und von hinten rollt eine Staubwolke heran. "Hier wollen wir unser Dorf bauen", sagt Hashem - und kaum hat er ausgesprochen, kommt die Staubwolke zum Stehen, und ein mächtiger Geländewagen wird sichtbar. Heraus klettert Omer Atidiah, ein drahtiger Mann in Shorts und Springerstiefeln, gefolgt von zwei Sicherheitsleuten, die still und mit der Waffe im Hosengurt Aufstellung nehmen. Filmreif ist dieser Auftritt inszeniert, und der Titel des Thrillers könnte lauten: Der Kampf ums steinige Land.

Muwafek Hashem ist ein Palästinenser aus Jericho, 50 Jahre alt und Vorsitzender einer "Vereinigung für landwirtschaftliche Hilfe", zu der sich örtliche Bauernfamilien zusammengeschlossen haben. Sein Traum: für diese Familien ein neues Zuhause zu bauen in den Weiten des Jordantals nördlich von Jericho. Als Nachbarn haben die palästinensischen Bauern dort jedoch die Bewohner mehrerer israelischer Siedlungen. Einer von ihnen ist Omer Atidiah, der 2004 mit seiner Frau Naama ins Jordantal gezogen ist und hier auf dem Gelände einer verlassenen Armeestellung seinen Traum verwirklicht hat: Havat Omer, zu Deutsch Omers Farm, auch bekannt als Siedlung Einot Kedem. Man sieht sie in nicht allzu großer Entfernung als grüne Oase mit Dattelpalmplantagen und Viehweiden. Auch erholungssuchende Gäste werden hier empfangen für Programme wie "Stille in der Wüste" oder "Naamas Garten".

Israelische Soldaten bewachen einen Außenposten der Armee mit Blick auf das Jordantal zwischen der israelischen Stadt Beit Shean und der Stadt Jericho im Westjordanland.

(Foto: Abir Sultan/AFP)

Der kurze Dialog, den Hashem und Atidiah bei ihrem Aufeinandertreffen führen, gibt einen Hinweis darauf, welches Drama sich hier entfaltet: "Dies hier ist mein Land", sagt der Palästinenser Hashem. "Ich habe für dieses Land bezahlt", sagt der Siedler Atidiah und fügt jovial mit einem Blick auf den Reporter noch an: "Aber das ist kein großes Problem, wir können ja reden." Darauf Hashem: "Wir reden nicht hier, wir reden vor Gericht." Dies ist das Ende der Szene. Omer Atidiah und seine beiden Sicherheitsleute springen wieder in den Geländewagen und brausen in einer Staubwolke davon. "Normalerweise schreit er uns an", sagt Hashem, "und dann kommt irgendwann die Armee und sagt, wir sollen verschwinden."

Im Streit zwischen diesen beiden Männern sieht man wie unter einem Brennglas den Konflikt ums Land, der seit Jahrzehnten tobt und immer wieder neue Volten schlägt. Im Sechstagekrieg von 1967 war das Westjordanland von Israel besetzt und anschließend systematisch besiedelt worden. In den Verträgen von Oslo, die in den Neunzigerjahren zur Gründung eines palästinensischen Staats führen sollten, wurde das besetzte Land dann provisorisch aufgeteilt in A-, B- und C-Gebiete, wobei bis heute die A-Gebiete unter palästinensischer und die C-Gebiete unter israelischer Kontrolle stehen. In den B-Gebieten herrscht eine Mischform.

Muwafek Hashem will eine Art palästinensisches Musterdorf im Jordantal bei Jericho bauen. Doch die Widerstände sind gewaltig. Eine Organisation zum „Schutz des nationalen israelischen Landes“ hat bereits eine scharfe Warnung veröffentlicht.

(Foto: PM)

Ein zweifellos kompliziertes Konstrukt ist das, und der jüngste Versuch, es aufzulösen, ist der sogenannte Friedensplan von US-Präsident Donald Trump. Darin wird Israel die Annexion von rund 30 Prozent des Westjordanlands erlaubt. Fast alle Siedlungen sollen dem jüdischen Staat zugeschlagen werden sowie das gesamte Jordantal mit Ausnahme der Stadt Jericho und ein paar umliegenden Fetzen Land.

Genau in diesem zur Annexion vorgesehenen Jordantal will Muwafek Hashem nun also für die Familien seiner Bauernvereinigung das neue Dorf Al-Awsaj errichten - und der Name ist Programm: Awsaj ist eine dornige Wüstenpflanze. "Sie kann ihre Wurzeln sogar in einen Felsen schlagen", erklärt er. Es klingt ein wenig nach dem gallischen Dorf in Römerzeiten, nach Widerstand im ringsum besetzten Land.

Hunderte Familien sollen hier angesiedelt werden. "Es gibt Interesse aus Ramallah, aus Ostjerusalem und Jericho", sagt Hashem. "Wir sind offen für jeden, der das Land bebauen will." Er verweist auf das "Heilklima" der Region und preist das Jordantal als "Brotkorb" der Palästinensergebiete. Orangen will er ernten, Zitronen, Papaya und natürlich Datteln. Ziegen, Schafe und Kühe sollen gehalten werden. "Auch Bienen", fügt er noch an. Zu seiner Vision gehört außerdem Öko-Tourismus mit kleinen Bungalows und ein Restaurant mit organischem Essen. Dazu soll dann noch eine Vogelbeobachtungsstation kommen. Das ist der schöne Traum von einer neuen Welt. Die Wirklichkeit ist davon allerdings noch sehr weit entfernt. Die knapp 1300 Hektar, auf denen Al-Awsaj entstehen soll, sind derzeit nichts als staubiges Brachland. Rund 90 Prozent davon liegen überdies in den von Israel kontrollierten C-Gebieten, in denen die palästinensischen Bauern wohl kaum eine Baugenehmigung erhalten werden. Nur ein kleiner Teil liegt im palästinensisch verwalteten A-Gebiet - und dort immerhin ist als Zeichen der Zukunft ein einsamer Bagger zu sehen, dessen Schaufel sich in trotzigem Takt in die trockene Erde gräbt, um die ersten Terrassen für Pflanzungen anzulegen.

Doch schon die ersten Bauarbeiten haben sofort die Siedler auf den Plan gerufen. Die Organisation Regavim, die sich den "Schutz des nationalen israelischen Landes" auf die Fahnen geschrieben hat, hat eine scharfe Warnung vor dem Projekt veröffentlicht und angekündigt, die Gründung des Dorfes zu verhindern. Der israelischen Regierung wird vorgeworfen, wegzuschauen und zu wenig Entschlossenheit zu zeigen.

"Wir sind mitten im Herzen des Gebiets, auf das sich die Siedlungen ausdehnen wollen", sagt Hashem. "Deshalb bekommen wir so viel Druck." Von Vandalismus berichtet er und von gestohlenen Wassertanks. "Drei Mal habe ich schon einen Gewehrlauf an meinem Kopf gehabt", sagt er und unterstreicht das mit zwei Fingern an der Schläfe. Auf seinem Handy zeigt er Bilder von israelischen Soldaten in einer Konfrontation mit seinen Männern, die mit der palästinensischen Flagge vor dem Bagger stehen. "Die Soldaten haben uns gesagt, das ist Omers Land, was macht ihr hier." Die Farm von Omer Atidiah allerdings, das hat die zuständige israelische Behörde der Zeitung Haaretz bestätigt, ist selbst nach israelischem Recht eine illegale Siedlung und müsste demnach eigentlich geräumt werden.

Die Siedler sind nicht das einzige Problem von Muwafek Hashem. Das andere sind die Finanzen. Umgerechnet mehr als zwölf Millionen Euro, so rechnet er vor, braucht er allein für die Infrastruktur, um das Land für die Bebauung vorzubereiten. Dazu zählen die Baggerarbeiten für die Terrassen ebenso wie eine notwendige Wasserzufuhr aus einem vier Kilometer entfernten palästinensischen Dorf. "Wir haben bislang auch von der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah keinerlei Hilfe erhalten", klagt er.

Doch entmutigen lässt sich Muwafek Hashem auch davon nicht. Schon im September, so verkündet der Palästinenser, sollen die ersten Bewohner nach Al-Awsaj ziehen. "Sie können dann erst einmal in Wohnwägen leben", sagt er. "Wir wollen hier sowieso keine Villen bauen. Wichtig ist, dass wir trotz aller Widerstände erst einmal anfangen."

© SZ vom 08.08.2020

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