Naher Osten:Sechs Tage und 50 Jahre

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Israel feiert den Jahrestag des Sechstagekrieges. Gedacht wird des Sieges über die arabischen Nachbarstaaten und der Vereinigung Jerusalems. Gleichzeitig haben sich Israelis und Palästinenser eingegraben: Die Friedenslösung ist überfällig.

Von Peter Münch

Fünfzig Jahre - das ist ein runder Geburtstag oder eine goldene Hochzeit und in jedem Fall ein denkwürdiges Jubiläum. So gesehen ist es kein Wunder, dass in Israel auch der 50. Jahrestag des Sechstagekriegs gefeiert wird, schließlich gilt es, eines überwältigenden Sieges gegen die arabischen Nachbarstaaten zu gedenken und der Vereinigung Jerusalems. Dieser Sieg jedoch markiert zugleich ein anderes Jubiläum, das weder rund noch golden ist, sondern einfach nur bestürzend: 50 Jahre Besatzung nämlich. Wenn nun also auf engstem Raum die Israelis feiern und die Palästinenser trauern, prallen zum Jubiläum wieder jene zwei Narrative aufeinander, die seit Jahrzehnten den Weg in die Zukunft verbauen. Es wäre also höchste Zeit, nach vorn zu blicken statt zurück.

Leicht ist das natürlich nicht. Denn so schnell dieser Krieg nach nur sechs Tagen zwischen dem 5. und dem 10. Juni 1967 endete, so lange wirkt er nach. Er hat die Landkarte des Nahen Ostens verändert und die Lebenswelten seiner Bewohner. Die Israelis beherrschen seitdem das gesamte Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan. Aber sie haben sich nicht nur den biblischen Boden einverleibt, sondern auch die darauf lebende palästinensische Bevölkerung einem rigiden Besatzungsregime unterworfen. Das ist ein Quell ständiger Konflikte. Der 50. Jahrestag des Sechstagekriegs steht also für ein halbes Jahrhundert der vergeblichen Friedenssuche.

Israelis und Palästinenser haben sich eingegraben

Dabei weiß jeder seit Langem schon, wie die Lösung aussehen könnte. Denn in diesem gut eingefahrenen Konflikt ist alles schon bedacht, vorgezeichnet und verhandelt worden: Im Kern geht es um zwei Staaten für zwei Völker, mit Jerusalem als beider Hauptstadt und mit den Grenzen aus der Zeit vor dem Sechstagekrieg, Landtausch inklusive. Bei Umfragen findet sich grundsätzlich auf beiden Seiten eine Mehrheit für eine solche Friedenslösung. Die Menschen sind des Konflikts müde, und die Vorteile sind immens: Die Palästinenser gewönnen das Recht auf Selbstbestimmung; Israel könnte sich vom Mühlstein der Besatzung befreien und gewinnbringend auf sich selbst konzentrieren.

Dass es nicht längst schon zu dieser Lösung gekommen ist, liegt an der - auf beiden Seiten - verheerenden Dynamik der letzten 50 Jahre. Zunächst zum jüdischen Staat: Der Sieg im Sechstagekrieg hat aus Israel ein anderes Land gemacht. Der pragmatische Zionismus der Gründergeneration wird heute vom rechten Lager aufgeladen mit Nationalismus und Glaubensfragen. Am klarsten zeigt sich das beim Siedlungsbau-Projekt: Zu Beginn ging es dabei vor allem um strategische Überlegungen, heute stehen oft ideologisch-religiöse Motive im Mittelpunkt. Wenn das palästinensische Westjordanland nur noch beim biblischen Namen Judäa und Samaria genannt wird, wird der Weg weit zur alten Ausgleichsformel "Land gegen Frieden".

Zwar ist diese national-religiöse Siedlerbewegung immer noch nur eine Minderheit in Israel, aber sie hält das Land in Geiselhaft und kontrolliert die rechte Regierung. Funktionieren kann das aber nur, weil sich viele andere enttäuscht von der Politik und speziell von der Friedenssuche abgewandt und im Status quo eingerichtet haben. Wer in Tel Aviv den ständigen Aufschwung der Start-up-Nation Israel feiert, kann leicht die Besatzung im schmutzigen Hinterhof vergessen. Die 50 zurückliegenden Jahre verleiten hier zur Kurzsichtigkeit. Dabei bleibt auch nach einem halben Jahrhundert klar, dass dieser Status quo nicht haltbar ist.

Eingerichtet beziehungsweise eingegraben haben sich allerdings auch die Palästinenser. Ihnen nämlich dient die Besatzung als ausreichende Erklärung für alle Unbill bis hin zur Korruption und zum Bruderkampf zwischen der Fatah und der islamistischen Hamas. Wer jede Verantwortung bei der Besatzungsmacht ablädt, braucht das eigene Handeln nicht zu hinterfragen. Schließlich ist es auch für die Führung viel bequemer, auf Maximalforderungen zu beharren und den Feind zu verteufeln, statt die Bevölkerung auf schmerzhafte Kompromisse im Zuge einer Friedenslösung vorzubereiten.

Zum Jubiläum also sind 50 Jahre Fehlentwicklungen zu konstatieren, doch umsteuern lässt sich immer noch. Der Anlauf von Oslo in den Neunzigerjahren, zum Silber-Jubiläum des Sechstagekriegs, kann da als Vorbild dienen, selbst wenn er aus den genannten Gründen nicht zum Ziel führte. Von außen kann der notwendige Friedensprozess allerdings nur helfend begleitet werden, der Anstoß muss von innen kommen, von beiden Seiten der festgefahrenen Front. Die Palästinenser sind dabei gefordert, ihr Verhältnis zur Gewalt zu klären mit Blick auf Israels Sicherheitsbedürfnis. Die Israelis müssen bereit sein, aus einer Position der Stärke heraus das abzugeben, was ihnen nie gehören wird. Erst wenn das gelingt, gibt es bei allfälligen Jubiläen etwas zu feiern.

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