Zyklon "Idai" "Das Ausmaß der Katastrophe ist jenseits dessen, was erwartet wurde"

Die UN gaben am Mittwoch 20 Millionen US-Dollar für den Hilfseinsatz in Mosambik frei. Auf diesem Bild sind Menschen zu sehen, die darauf warten, Hilfsgüter zu erhalten.

(Foto: Tsvangirayi Mukwazhi/dpa)

Gekappte Stromleitungen, unpassierbare Straßen, zu wenig Suchtrupps: Die Hilfe für die von dem verheerenden Wirbelsturm betroffenen Menschen in Mosambik läuft nur schleppend an.

Von Isabel Pfaff

Der Sturm Idai ist schon fast zwei Wochen alt und hat bereits drei Ländergrenzen passiert, als er in der Nacht auf vergangenen Freitag die Küstenstadt Beira in Mosambik trifft und von dort eine Schneise der Verwüstung ins Land zu ziehen beginnt. Es dauert noch ein paar Tage länger, bis ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit dringt, dass die bisher bekannten Zahlen zu Opfern und Betroffenen vermutlich viel zu niedrig sind. Die Sturmkatastrophe im Südosten Afrikas: Es scheint, als habe sie den Rest der Welt kalt erwischt.

Nun laufen die Spendenkampagnen an, immer mehr Regierungen machen Hilfszusagen, auch Deutschland stellt eine Million Euro Soforthilfe zur Verfügung. Tansania, das im Süden an Mosambik grenzt, brachte mehr als 200 Tonnen Hilfsgüter in die drei vom Zyklon betroffenen Länder Malawi, Simbabwe und Mosambik. Indien schickt drei Militärschiffe nach Beira, um bei Evakuierungen zu helfen und Krankenstationen aufzubauen. Die UN gaben am Mittwoch 20 Millionen US-Dollar für den Hilfseinsatz frei, als "Kickstart" vor allem für das am schlimmsten getroffene Mosambik. Es kommt Bewegung in die internationale Gemeinschaft - Tage nach Beginn der Katastrophe.

Wie konnte ein Sturm, der sich so lange im Voraus ankündigte, eine derart schreckliche Wirkung entfalten? "Das Ausmaß dieser Katastrophe ist jenseits dessen, was erwartet wurde", sagt Matthew Cochrane vom Internationalen Netzwerk von Rotem Kreuz und Rotem Halbmond (IFRC), einem der größten Hilfsnetzwerke weltweit. Zwar habe seine Organisation früh vor dem Sturm gewarnt, das erste Mal am Dienstag vergangener Woche. Schon zu diesem Zeitpunkt habe man die lokalen Rotkreuz-Teams in Mosambik vorbereitet, habe vorsorglich Medikamente und Lebensmittel von der Hauptstadt Maputo nach Beira geschickt. "Doch der Sturm, die Flut und die schon vorher begonnenen Regenfälle", sagt Matthew Cochrane, "haben in ein Desaster geführt, das man so einfach nicht vorhersehen konnte".

Gekappte Stromleitungen, zerstörte Dämme, unpassierbare Straßen - das erste internationale Team des IFRC erreichte Beira erst am Samstag, per Helikopter. Unter solchen Umständen ist es nicht nur für die Helfer schwierig, in die Krisengebiete zu kommen, auch Informationen dringen nur schwer durch, in der Organisation und nach außen. "Es könnte noch Tage dauern", schreibt das IFRC in einer Pressemitteilung vom Dienstag, "bis das volle Ausmaß der Katastrophe klar wird".

Bis dahin versucht das Rote Kreuz, 10 Millionen Schweizer Franken an Spenden zusammenzubekommen. Vor Ort kümmern sich vor allem lokale Mitarbeiter und Freiwillige von Rotem Kreuz und Rotem Halbmond um die mindestens 400 000 Mosambikaner, die der Zyklon obdachlos gemacht hat. Sie verteilen in der Hafenstadt Beira Material, um Notunterkünfte zu bauen, außerdem Chlortabletten, damit die Menschen Wasser reinigen können.

Die Schwesterorganisation des IFRC, das Internationale Komitee des Roten Kreuzes, kümmert sich um Familienzusammenführung. Auf einer Internetseite können Familien vermisste Angehörige melden, die auf diese Meldung antworten können. Zudem hat das Komitee ein Forensik-Team nach Mosambik entsandt, das sich um die Todesopfer der Sturmkatastrophe kümmert.

Die Arbeit läuft schleppend, an viele Betroffene kommen die Helfer nicht ran

Auch Jens Laerke, Sprecher des UN-Büros für die Koordinierung von Nothilfe (OCHA), sagt, dass der Zyklon nicht überraschend kam - weder für die Mosambikaner noch für die Hilfsorganisationen. Mosambik wird relativ häufig von Stürmen oder Überschwemmungen heimgesucht, der Staat habe Erfahrung im Umgang mit solchen Naturkatastrophen, sagt Laerke. Als die Regierung am 12. März OCHA zum ersten Mal offiziell um Hilfe ersuchte, sei klar gewesen, dass dieser Sturm Ausmaße haben werde, mit denen das arme Land nicht alleine klarkomme. "Wir haben also schon losgelegt, bevor der Zyklon das Festland getroffen hat", sagt Laerke.

Laerkes Büro koordiniert in Notfällen die Arbeit aller beteiligten Hilfsorganisationen. Es stellte sich heraus, dass das Kinderhilfswerk Unicef und das Welternährungsprogramm beide in der Hafenstadt Beira Büros und Lagerhäuser unterhalten. "Wir hatten also bereits eine funktionierende UN-Präsenz im Epizentrum der Katastrophe, das hat uns sehr geholfen", sagt Laerke. Doch obwohl sich jetzt immer mehr Hilfsorganisationen in Mosambik einschalten, läuft die Arbeit nur schleppend. An viele Betroffene kommen die Helfer nicht ran. Man habe nicht vorhergesehen, räumt Laerke ein, dass die Verkehrswege so stark überflutet sein würden. Oft bleibt jetzt nur der Helikopter, um die Betroffenen mit Lebensmitteln und andere Hilfsgütern zu versorgen. "Aber ein Helikopter kann nun einmal nicht viel transportieren", sagt Laerke.

Ein weiteres Problem ist der Mangel an Such- und Rettungsdiensten. Die mosambikanische Regierung habe nicht genügend Suchtrupps, um die vielen überschwemmten Gebiete absuchen zu können, sagt Laerke. OCHA versuche jetzt, die Such- und Rettungsdienste anderer Staaten zu mobilisieren. Die Zeit drängt.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir den englischen Begriff "chlorine" fälschlicherweise mit "Chlorin" (einer nicht mit dem chemischen Element Chlor zu verwechselnden Verbindung) übersetzt. Es wurden hier jedoch Chlortabletten verteilt.

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