Mladic-Prozess um Völkermord in Bosnien Wettlauf gegen die Zeit

Im Prozess gegen Ratko Mladic braucht es vor allem eines: Zeit. Doch davon hat das Tribunal nicht mehr viel, das Mandat läuft im Juli 2013 aus. In Den Haag erinnert man sich schon an das Prozess-Debakel um den früheren serbischen Präsidenten Milosevic.

Von Ronen Steinke

Es sind diese kräftigen Arme und Finger, mit denen Ratko Mladic in Srebrenica Bonbons an muslimische Kinder verteilte und mit denen er kurz darauf das Morden anordnete. Mit einer Geste, "als ob Gras geschnitten würde", wie es ein Zeuge später einmal beschreiben sollte. Nur, dass die Finger jetzt lustig herumspielen, an einer russischen Fellmütze mit baumelnden Ohrenklappen.

Ratko Mladic im Gerichtssaal (Archiv).

(Foto: AFP)

Ratko Mladic, der einstige General der bosnischen Serben, sitzt tief im Bauch eines wuchtigen Sandsteinbaus in Den Haag, drei Richter schauen auf ihn herab, die Kameras laufen. Es sollte jetzt eigentlich nur um Kleinigkeiten gehen, Organisatorisches, bevor der Prozess vor dem Jugoslawien-Tribunal beginnt. Ob Herr Mladic freundlicherweise seine Fellmütze abnehmen würde?, fragt der Vorsitzende Richter. Und Mladic, der Ex-General, der noch immer sichtlich seine Dominanz genießt, erhebt sich, baumelnde Ohrenklappen links und rechts, um erst einmal nur wortlos mit dem Zeigefinger zu bedeuten: nix da. Was folgt, ist ein lautstarker Streit erst mit dem Richter, dann mit Mladics eigenem Verteidiger.

Es sind Szenen wie diese, welche die Juristen am Tribunal nervös machen, bevor nun an diesem Mittwoch der eigentliche Prozess beginnt. Den Anklägern läuft die Zeit davon, nichts müssen sie mehr fürchten als Chaos und Verzögerung in diesem ohnehin komplexen Prozess. Es geht um Verbrechen, die Mladic nicht mit eigenen Händen verübt, sondern befohlen haben soll, um Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Dafür braucht es in diesem Gerichtssaal Hunderte Zeugen, Experten, die militärische Beweisketten aufdröseln, kurzum: Es braucht Zeit. Davon hat das Tribunal nicht mehr viel - auch schon ohne bizarre Auftritte des Angeklagten, die das Verfahren in die Länge ziehen.

Als der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) dieses Gericht ins Leben rief, im Jahr 1993, da rechnete niemand damit, dass man zwanzig Jahre später noch immer in Den Haag sitzen würde. Die UN räumten dem Tribunal damals eine Lebenszeit ein, die zwar mehrmals verlängert wurde, aber nun zum 1. Juli 2013 offiziell ausläuft. Die Idee des Tribunals ist heute lebendiger denn je. Die Aufmerksamkeit der UN richtet sich inzwischen aber stärker auf das andere Ende der Stadt Den Haag - auf den 2002 eröffneten Internationalen Strafgerichtshof, der für alle fünf Kontinente zuständig ist und nicht mehr nur für ein kleines Fleckchen Südosteuropa. Das Jugoslawien-Tribunal sieht plötzlich alt aus, es soll sich beeilen, endlich fertig zu werden.

Wenn sein Mandat demnächst ausläuft, werden zwar noch einige Juristen in dem Gebäude bleiben dürfen, in einer Art Tribunal in Abwicklung. "Das Kind bekommt nur einen anderen Namen", sagt der Chefankläger, der Belgier Serge Brammertz, optimistisch. Den Mladic-Prozess dürfen sie noch fortsetzen, bis etwa 2015. Aber Geld der UN strömt dann nicht mehr, es tröpfelt nur noch. Und die Kräfte der Ankläger schwinden.

Schon jetzt verliert der Chefankläger laufend Mitarbeiter. Aus seinem engsten Kreis von zehn erfahrenen Anklägern sind in den vergangenen beiden Jahren vier gegangen, erst im März verließ ihn auch sein langjähriger Stellvertreter, Norman Farrell, um für die UN einen Job mit längerer Perspektive zu übernehmen. Auf den Gängen des Gebäudes in Den Haag, das die UN zu Beginn der neunziger Jahre günstig erwerben konnten, weil es einer niederländischen Bank zu altbacken geworden war, kommt man jetzt häufiger an leeren Büros vorbei.

Alles geht langsamer", sagt einer, der hier ein und aus geht. Der Chefankläger Brammertz rechnet zwar vor, er verliere "netto" nur 39 Mitarbeiter in diesem Jahr, in dem er neben dem Mladic-Prozess noch sieben weitere Großverfahren gegen mutmaßliche Balkan-Kriegsverbrecher führen muss, in drei Gerichtssälen. Die UN haben zum Auftakt des Mladic-Prozesses ein paar Neueinstellungen ermöglicht, eine kleine Verschnaufpause. Aber schon kommendes Jahr wird das Tribunal so weit schrumpfen, bis nur noch die Hälfte der Mitarbeiter von 2008 übrig sind: 500 statt vormals 1099.

Mladic ist 69 Jahre alt, er ist gebrechlich, niemand weiß, wie viele Prozesstage pro Woche die Richter für zumutbar erachten werden. In Den Haag ist die Erinnerung an das Debakel, mit dem der Prozess gegen den einstigen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic zu Ende ging, noch schmerzhaft präsent. Das Verfahren zog sich 2006 ins vierte Jahr - dann starb der Angeklagte, bevor es ein Urteil gab. Als der sichtbar gealterte Mladic vor einem Jahr nach Den Haag ausgeliefert wurde, hat er deshalb die Juristen in Hektik versetzt. Die Ankläger, die über Nacht von anderen Prozessteams abgezogen wurden, machten sich daran, die Liste der Vorwürfe gegen Mladic zu verkleinern, was hieß: jahrelange Ermittlungsarbeit über Bord zu werfen. Sie kürzten die Anklageschrift um fast die Hälfte. Ob das reichen wird, um es rechtzeitig bis ans Ende dieses Prozesses zu schaffen, ist trotzdem ungewiss.

Erst wenige Wochen ist es her, dass Mladic einlenkte, ohne Fellmütze: "Ich will an diesem Prozess mitwirken." Der Ex-General erklärte, er wolle die "abscheulichen Vorwürfe" gegen sich ausräumen. Er hat dann aber auch gesagt, es störe ihn nicht, wenn der Prozess "fünf oder hundert Jahre" dauere. Er wird es wissen: Je länger es geht, desto schwächer wird sein Gegner.