Missbrauch in der katholischen Kirche Streit um den Streit

Das klingt nach ausreichend vielen Privilegien für den Auftraggeber - und doch entwickelte sich Streit um den Vertrag. In der katholischen Kirche formierte sich Widerstand gegen das Projekt. Als Erstes wurde er sichtbar durch das "Netzwerk Katholischer Priester". Drei Wochen nach Vorstellung des Vorhabens geißelte der erzkonservative Zusammenschluss von Priestern auf dem Internetportal kath.net die Pläne als juristisch wie auch menschlich höchst bedenklich. Man sei zwar für wirksame Maßnahmen gegen sexuellen Missbrauch, hieß es in einer Stellungnahme. Eine "pauschale Herausgabe aller Personalakten" sei jedoch ein "unerlaubter Eingriff in die Persönlichkeitsrechte". Dies beschädige "nachhaltig das Vertrauensverhältnis katholischer Kleriker gegenüber ihren Bischöfen und Oberen". Die Bischöfe müssten davon "Abstand nehmen".

Das Netzwerk spricht bei Weitem nicht für alle katholischen Priester. Dennoch keimten auch bei den Bischöfen die Bedenken. Die Diözesen München-Freising und Regensburg zogen sich aus dem wissenschaftlichen Beirat des Projekts zurück, er war zur gegenseitigen Beratung gedacht. Nach Angaben aus Kirchenkreisen wurden in der Bischofskonferenz Forderungen laut, das Projekt neu anzulegen. Umsetzen sollte dies Pater Langendörfer als Vertreter der Diözesen.

Doch die Sache entwickelte sich zum Konflikt zwischen Pater und Professor. Keiner war als streitlustig bekannt. Pfeiffer ist ein selbstbewusster Forscher, sehr präsent in den Medien. Der Kriminologe hat einen guten Riecher für aktuelle Aufregerthemen. Er ist kein Feind der Kirche und verteidigt die Geistlichen in der Missbrauchsdebatte öffentlich gegen pauschale Verdächtigungen. Langendörfer dagegen wirkt eher zurückhaltend und betont im Zweifelsfall lieber seine Machtlosigkeit gegenüber den Bischöfen, als sich in den Vordergrund zu drängen. "Hier sind zwei Kulturen aufeinandergetroffen, die sich nicht vereinbaren ließen", sagt Langendörfer. "Eine vorsichtige Kirche, die sich der Datensicherheit sowie einem angemessenen Datenschutz im Interesse derer, die sich an Opfer-und Täterinterviews beteiligen, verpflichtet sieht, und ein mitunter etwas sprunghafter Professor, der unter Berufung auf die Wissenschaftsfreiheit diesen Themen keine angemessene Bedeutung einzuräumen scheint." Das Vertrauensverhältnis sei "zerrüttet - auch durch unbedachte Äußerungen von Professor Pfeiffer". Haben hier zwei Persönlichkeiten nicht zueinandergepasst? Wollten die Wissenschaftler keine Rücksicht nehmen auf den Datenschutz?

Mögliche unbedachte Äußerungen beider Seiten lassen sich kaum mehr nachvollziehen, wohl aber der Konflikt darüber, ob und wie man noch Änderungen am Projekt vornimmt. Im Vertragsentwurf des VDD vom Mai vergangenen Jahres, dessen Wortlaut der Süddeutschen Zeitung vorliegt, fordert die Kirche letztlich die Kontrolle über die spätere Präsentation der Untersuchung. "Über die Veröffentlichung" der Zwischen- und Abschlussberichte des Projekts, "insbesondere Art und Umfang der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse gegenüber der Öffentlichkeit, entscheiden VDD und KFN gemeinsam. Ist eine Einigung nicht möglich, unterbleibt die Veröffentlichung." Das heißt: Kommen die Forscher zu unliebsamen Ergebnissen, könnte die Studie in der Schublade verschwinden. Alle Datenbestände der Untersuchung seien zudem "an den VDD herauszugeben", heißt es im Entwurf weiter.

Pfeiffer lehnte dies empört als "Auftragsforschung" ab, die mit der Freiheit der Wissenschaft nicht vereinbar sei. Die Regelung hätte auch die Doktorarbeiten im Rahmen des Projekts gefährdet. Dissertationen müssen veröffentlicht werden, ein Nein der Kirche hätte die jahrelangen Mühen der Nachwuchsforscher zunichte gemacht. Als das Projekt nicht vorankam, kündigten zwei eigens angeworbene Psychologinnen am KFN, wie Pfeiffer vergangenen Oktober an alle Bischöfe schrieb. Der Brief war ein letzter Versuch, das Vorhaben doch noch zu retten. Man habe nur noch auf einer Absprache der Veröffentlichungen bestanden, sagt Langendörfer; die Kirche habe auf ihren Zensurwünschen beharrt, sagt Pfeiffer.

Am Ende ist man sich nicht einmal mehr einig, worüber man streitet. Langendörfer sagt, bis zuletzt habe es offene Fragen des Datenschutzes gegeben, Pfeiffer hält alle Fragen für geklärt. Er fühlt sich hintergangen, weil er Informationen darüber erhalten habe, dass inzwischen Akten über Missbrauchsfälle vernichtet worden seien. Damit wäre seiner Untersuchung in den Kirchenarchiven die Grundlage entzogen.

Nun will jede Seite auf getrennten Wegen der Wahrheit auf die Spur kommen. Pfeiffer ruft die Missbrauchsopfer auf, freiwillig und anonym Fragebögen auszufüllen. Langendorfer will das Projekt mit einem anderen Partner fortsetzen. Die Opfer jedenfalls werden noch jahrelang auf Antworten warten müssen.