Missbrauch Ernst der Stunde

Die Katholische Bischofskonferenz verpflichtet sich, konsequenter als bisher auf die Opfer von sexualisierter Gewalt zuzugehen. Eine Debatte, die intensiv, emotional und kontrovers verläuft.

Von Matthias Drobinski, Fulda

Innehalten am Grab des heiligen Bonifatius im Dom: Die Bischöfe treffen sich traditionell im September in Fulda zur Herbst-Vollversammlung.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Die deutschen katholischen Bischöfe versprechen, den Skandal um sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Priester und Ordensangehörige konsequenter als bisher zu untersuchen und aufzuarbeiten. Der Inhalt einer von den Bischöfen in Auftrag gegebenen und am Dienstag veröffentlichten Studie über sexuellen Missbrauch im Bereich der Bischofskonferenz sei schockierend und zeige den Bischöfen ihre "Verantwortung zu verstärktem Handeln und die Pflicht, den Betroffenen Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen", heißt es in einer Erklärung zum Abschluss der Herbstversammlung der Bischöfe in Fulda. Das Fazit der Versammlung: "Wir Bischöfe stellen uns dem Ernst der Stunde".

In einer sieben Punkte umfassenden Selbstverpflichtung erklären die Bischöfe, "mehr als bisher die Begegnung mit den Betroffenen" suchen zu wollen. Die Personalaktenführung für Kleriker soll standardisiert werden, zusätzlich zu den bisherigen Ansprechpersonen für Betroffene soll es in jedem Bistum externe, unabhängige Anlaufstellen geben. Für die Prävention soll es ein "verbindliches überdiözesanes Monitoring" geben. Die Bischöfe kündigen an, die Verfahren zu Entschädigungsleistungen fortentwickeln zu wollen. Auch sei eine unabhängige Aufarbeitung der Vergangenheit notwendig: "Wir wollen klären, wer über die Täter hinaus Verantwortung institutionell für das Missbrauchsgeschehen in unserer Kirche getragen hat." Fragen "nach der zölibatären Lebensform der Priester und nach verschiedenen Aspekten der katholischen Sexualmoral wollen die Bischöfe "unter Beteiligung von Fachleuten verschiedener Disziplinen in einem transparenten Gesprächsprozess erörtern".

Das Forscherkonsortium aus Mannheim, Heidelberg und Gießen hatte in diesen Punkten den bisherigen Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauchsfällen deutlich kritisiert und unter anderem von Aktenvernichtungen sowie unklaren Standards bei Entschädigungsleistungen und Prävention berichtet. Auch gebe es Hinweise, dass der Zölibat, die Überhöhung des Priesterberufs und die Tabuisierung von Sexualität und Homosexualität zu den Gewalttaten und ihrer Vertuschung beigetragen haben könnten. Am Dienstag und Mittwoch berieten die Bischöfe nach Angaben von Teilnehmern in interner Sitzung intensiv, emotional und auch kontrovers, wie auf diese Ergebnisse zu reagieren sei; gerade jüngere Bischöfe hätten ein grundsätzliches Nachdenken über das Selbstbild der Kirche gefordert, heißt es. Auf die von mehreren Seiten vorgebrachte Forderung, die weitere Aufarbeitung ganz nach außen zu geben, konnte man sich allerdings bislang nicht einigen - das bleibt den einzelnen Bischöfen überlassen wie überhaupt die konkrete Umsetzung der Selbstverpflichtungen. Man sei aber offen für solche Vorschläge, betonte der Bischofskonferenzvorsitzende, der Münchner Kardinal Reinhard Marx. Der Beauftragte für Missbrauchsfälle, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, kündigte einen regelmäßigen Vergleich an, wie die Bistümer mit dem Thema umgingen - das könne "schon als Ranking" verstanden werden.

Vertreter der Betroffenenverbände kritisierten die Ergebnisse der Beratungen. "Wir haben zwar nicht erwartet, dass die katholischen Bischöfe in den Fragen der Aufarbeitung und der Entschädigung jetzt zu schnellen Ergebnissen kommen, aber diese dürftigen Ankündigungen lassen uns fassungslos zurück", sagte Matthias Katsch, Sprecher der Betroffenenvereinigung Eckiger Tisch. Die Organisation fordert, die Aufarbeitung an eine unabhängige Institution zu übertragen, vertuschende Bischöfe klar zu benennen und auch die Entschädigungen neu zu regeln.

Das Landeskomitee der Katholiken in Bayern erklärte, die bisherigen Hauptkriterien für den Zugang zum Priesterberuf - "männlich und unverheiratet" - seien "nicht zukunftsweisend".