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Minderheitenpolitik in Frankreich:Fahrende Franzosen und Roma aus dem Ostblock

Auch im Regierungslager zeigen einige ihr Unbehagen. So findet der Abgeordnete François Goulard, ein früherer Minister, die Aktionen "schockierend". Die Kriminalität in Frankreich habe nichts mit ein paar Roma-Lagern zu tun. Die Bilder, die zeigten, wie die Polizei mit den Menschen umgehe, seien "nicht sehr angenehm". Die Betroffenen beginnen sich ebenfalls zu wehren. Empörte Roma blockierten am Sonntag mit ihren Wohnwagen eine Ausfallstraße bei Bordeaux.

Die Regierung argumentiert, die Franzosen fühlten sich immer stärker von Kriminalität bedroht, sie forderten den Schutz des Staates. In den Lagern könnten Menschenhändler und Zuhälter Unterschlupf finden, die Rechte der Frauen und Kinder seien bedroht. Auch könne Frankreich nicht Menschen aufnehmen, die seine Gesetze missachteten. Es sind häufig die Eigentümer von Grundstücken, die vor Gericht darauf klagen, die illegalen Ansiedlungen abzureißen. Auch manche linke Stadtregierungen fordern die Räumung von Camps, weil sie die Zustände dort unerträglich finden.

"Wir haben nichts dort drüben"

Kompliziert wird die Lage dadurch, dass in der Diskussion zwei Gruppen vermischt werden. Zum einen sind da die schätzungsweise 400.000 Menschen, die in der französischen Verwaltungssprache als "fahrendes Volk" bezeichnet werden. 95 Prozent von ihnen sind meist seit Generationen Franzosen und können daher nicht abgeschoben werden. Zudem haben sie einen Anspruch darauf, dass ihnen die Gemeinden Lagerplätze zuweisen. Die Mehrheit dieses "fahrenden Volkes" ist heute sesshaft.

Zum anderen leben in Frankreich etwa 15.000 Roma, die aus Rumänien und Bulgarien kommen. Da Paris nach dem Beitritt dieser Länder zur EU von einer Übergangsregelung Gebrauch macht, dürfen sie wie andere Rumänen und Bulgaren erst von 2014 an unbegrenzt in Frankreich leben und arbeiten. Derzeit dürfen sie als Touristen drei Monate bleiben. Danach können sie abgeschoben werden, wenn sie nicht nachweisen, ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. In den vergangenen Jahren hat die französische Regierung etwa 20.000 Roma in ihre Heimat zurückgebracht. Etliche sind längst wieder nach Frankreich zurückgekehrt.

Ende August wird eine rumänische Delegation nach Paris reisen, um mit Frankreichs Regierung zu beraten, wie die Roma besser in Rumänien integriert werden können. Viele von ihnen hält bislang nämlich nichts in ihrer Heimat. So sagte eine aus dem Haus in Montreuil vertriebene Frau: "Wir haben gar nichts dort drüben (in Rumänien), kein Haus und nicht einmal mehr Verwandte."

© SZ vom 17.08.2010/mob
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