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Militär:Ausmanövriert

Ende Februar, als die US-Trppen in Bremerhaven ankamen, rechnete noch niemand mit ernsthaften Viren-Problemen.

(Foto: Patrik Stollarz/AFP)

Die Nato-Übung "Defender Europe" steht praktisch still. Die Bundeswehr bereitet sich auf Hilfe für Zivilisten vor.

Der kommandierende General der US-Streitkräfte in Europa, Christopher Cavoli, meldet sich am Freitag per Twitter und von Zuhause. Er saß in Uniform in einem großen, weißen Sessel und berichtete darüber, wie sich das Coronavirus schnell über Europa ausbreitet. Dann kam er darauf zu sprechen, worum er nicht im Hauptquartier sitzt. Er habe sich in Quarantäne begeben, nachdem er vergangene Woche Kontakt zu einem Infizierten hatte. "Die Dinge ändern sich", sagt er. "Die Dinge ändern sich sehr schnell." Nicht nur der General, der jetzt vom Homeoffice aus agiert, sieht sich plötzlich mit einer ganz neuen Lage konfrontiert. Tausenden Soldaten geht es genauso. Eine der größten Militärübungen in Europa, die im Februar erst so richtig angelaufen ist und bis in den Sommer andauern sollte, steht praktisch still.

Das erste Mal seit 25 Jahren wollten die USA wieder üben, Truppen in Divisionsstärken über den Atlantik nach Europa zu verlegen. Allein 20 000 US-Soldaten sollten dazu mit Schiffen und Flugzeugen in diesen Wochen nach Europa kommen. Zusammen mit 17 Partnernationen wären - wenn alles glatt laufen würde - 37 000 Soldaten im Einsatz. An der Ostflanke der Nato, in Polen und im Baltikum, sind gemeinsame Großmanöver vorgesehen. Nach der Annexion der Krim durch Russland 2014 hatte die Nato ihre Präsenz an der Ostflanke verstärkt. Die Großübung mit dem Namen "Defender Europe 2020" sollte ein klares Zeichen der Abschreckung setzen: Wenn nötig, dann kommt schnell Verstärkung. Aber, das war, bevor das Coronavirus anfing, erst das zivile Leben schrittweise lahmzulegen und jetzt eben auch das militärische.

Das Verlegen der US-Soldaten innerhalb Europas von Land zu Land wird eingeschränkt, genauso das Reisen von und nach Amerika. Damit sind derzeit nach Angaben der Bundeswehr alle US-Truppenbewegungen faktisch ausgesetzt. Es würden absehbar auch keine weiteren Schiffe in Belgien und den Niederlanden entladen. Etwa 5500 der geplanten 20 000 US-Soldaten sind in Europa angekommen. Mehr werden es erstmal auch nicht werden. Die Bundesländer hatten sich schon auf nächtliche Konvois eingestellt und mit größeren Verkehrsbehinderungen gerechnet. Allenfalls über Ostern sollte es keine Transporte geben, um die Bevölkerung zu schonen. Nun bleibt es auf den Straßen nachts so ruhig wie sonst, wenn das Militär nicht den Ernstfall übt.

Die USA und die Partner wollten lernen, welche Schwierigkeiten es mit sich bringt, so viele Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, in einer Zeit, in der sich Europa auf Frieden eingestellt hatte, so viele Soldaten und Panzer zu verlegen. Die Planer fragten sich, ob die Bahn noch genügend Flachwagen auftreiben könne. Es wurde geguckt, ob Straßen und Brücken die Belastungen aushalten. Es wurde mit Demos gerechnet. Die Verbreitung eines Virus mit derartigen Folgen für das öffentliche Leben, das dürften die Strategen so nicht in ihren Planspielen vorgesehen haben. Soldaten, die das Virus womöglich von Stadt zu Stadt, quer durch Europa weitertragen, das will das Militär in dieser Lage offenbar niemandem zumuten. Am Ende geht es auch nur um eine Übung.

Nicht nur Washington ist in Sorge um seine Soldaten. Die Bundeswehr muss genauso mit ihren Kräften haushalten: Solange die Alliierten sich durch Deutschland bewegen, ist sie sozusagen als Gastgeber zuständig für die Unterstützung der ausländischen Truppen. US-Soldaten, die erkrankt sind, können sich bei deutschen Truppenärzten melden. Da macht es einen großen Unterschied, ob 5500 oder 20 000 US-Soldaten auf Manöver sind. Wie viel Arbeit auf die Kollegen zukommen wird, ist noch gar nicht absehbar.

Bisher hatten sich die Auswirkungen des Coronavirus auf die Bundeswehr in Grenzen gehalten. Heeres-Inspekteur Alfons Mais arbeitet wie sein US-Kollege im Homeoffice. Die Bundeswehrunis in Hamburg und München haben ihren Lehrbetrieb eingestellt, ebenso die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg.

Stand Freitagnachmittag gab es in der Bundeswehr 17 bestätigte Fälle und 120 Verdachtsfälle, dabei handelt es sich um jene Personen, die direkten Kontakt zu den Infizierten hatten. Komplette Kasernen sind derzeit aber nicht abgeriegelt, aber dies kann sich stündlich ändern.

Der Sanitätsdienst betreibt in Deutschland fünf Bundeswehrkrankenhäuser, die auch Zivilisten offen stehen. Die Truppe ist auch in der Lage, mobile Krankenstationen aufzubauen. Um diese Kapazitäten hochzufahren, wenn etwa die Betten auf Intensivstationen ausgehen, bräuchte es allerdings einen Antrag auf Amtshilfe. Dieser wurde noch nicht gestellt. Dafür hilft die Bundeswehr an anderer Stelle. Auf Bitten des Gesundheitsministeriums hat das Beschaffungsamt der Bundeswehr - sonst eine Behörde, der gerne vorgeworfen wird, langsam und bürokratisch zu arbeiten - einen Vertrag zur Lieferung von 300 000 Schutzbrillen und Masken für das Gesundheitssystem abgeschlossen. Mit großen Stückzahlen kennt man sich bei der Bundeswehr immerhin aus.

© SZ vom 14.03.2020
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