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Kanzlerin in China:Frau Merkel und der nette Herr Wen

Die Kanzlerin besucht China - und wird von Wen Jiabao, dem Premier der Volksrepublik, umschmeichelt. Um aus guten Beziehungen sehr gute zu machen, hält sich Merkel mit kritischen Tönen zurück.

Stefan Braun

Der Kontrast könnte größer kaum sein. Eigentlich ist Wen Jiabao einer der mächtigsten Männer der Welt. Der 67-Jährige ist Chinas Ministerpräsident, und damit führt er ein Land, das spätestens seit Beginn der weltweiten Wirtschaftskrise eine zentrale Rolle spielt bei der Frage, ob und wie diese Welt sich wieder erholen kann von der Krise. China ist längst Finanzier und Fabrik in einem, mit seinen gigantischen Währungsreserven hat es mächtigen Einfluss auf Wechselkurse und Geldströme, und seine mehr als 1,3 Milliarden Menschen sind Arbeiter und Konsumenten in einem.

Merkel in China

Nettigkeiten vor imposanter Kulisse: Der Ministerpräsident der Volksrepublik China, Wen Jiabao, begrüßt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

(Foto: dpa)

Trotzdem kann Wen Jiabao aber wirken wie ein kleiner Junge. Dann erinnert er an einen Konfirmanden, der - zum ersten Mal in einem Anzug - sehr gerade stramm steht, um für sich und für andere einen besonders guten Eindruck zu machen. Genauso steht er auch an diesem Vormittag in einem der vielen Säle der großen Halle des Volkes. Am Mikrofon begrüßt er Angela Merkel und möchte ihr, ganz der stolze Junge, unbedingt eine Freude bereiten.

Nationalelf hat China "sehr beeinfdruckt"

Also fängt er an zu schwärmen, und zwar von den deutschen Fußballern. Eine junge Mannschaft sei das, mit Leidenschaft spiele sie Fußball, und das habe das chinesische Publikum "sehr beeindruckt". Wen strahlt bei dieser Bemerkung; er strahlt noch mehr, als er merkt, dass der Satz via Übersetzerin auch Merkel erreicht hat. Er möchte den Gast aus Deutschland herzlich begrüßen. Denn Wen hat viel im Sinn mit den Deutschen.

Das jedenfalls ist die Botschaft des ersten Tages dieser insgesamt vierten Visite der Bundeskanzlerin in China. Ob beim deutsch-chinesischen Dialogforum, bei den internen Gesprächen oder bei der gemeinsamen Pressekonferenz - immer wieder betont Wen, wie wichtig es sei, dass Deutschland und China während der Krise eng kooperiert hätten und das künftig am besten noch mehr tun sollten. Wen spricht von einer strategischen Partnerschaft beider Länder, die noch wichtiger, noch strategischer, noch enger werden müsse. Immerhin sei es gelungen, die "harte Probe" der Krise erfolgreich zu überstehen. Das müsse Anlass sein, um sich noch enger zu verbinden. Ein Bild liegt ihm dabei besonders am Herzen: Wenn man sich gegenseitig einen Apfel schenke, halte jede Seite am Ende einen Apfel in Händen. Wenn man sich gegenseitig aber eine Idee schenke, hätten beide am Ende zwei Ideen in den Köpfen. Das wünscht er sich: Noch mehr Ideen, noch mehr Kreativität austauschen.

Die Kanzlerin sieht das ähnlich. Sie verschweigt zwar nicht die Sorgen vieler deutscher Unternehmen, die sich nach wie vor über Raubkopien und den Klau geistigen Eigentums beklagen. Ansonsten aber lässt sie sich gerne umschmeicheln und lobt selbst das Ziel, die "Beziehung noch auf eine ganz neue Ebene" zu heben. Mögen zu Hause die Koalition und die eigene Partei Ärger bereiten - hier kann sie Chinas Werbeversuche genießen. Zumal - das hört man eher intern - ihre gesamte Delegation genau weiß, wie groß die Chance ist, aus guten Beziehungen jetzt noch bessere zu machen.

Für wie wichtig sie das hält, erklärt Merkel nicht vor der Presse, sondern vor Absolventen der Parteihochschule. Ziemlich ungeschminkt lenkt sie den Blick auf das, was sie seit langem beschäftigt. "Wir wissen, dass mit der Wirtschaftskrise weltweit die Kräfteverhältnisse neu gemischt werden." Wobei klar ist, dass Chinas Muskeln längst groß sind - und Deutschland schwer darauf achten muss, Schritt zu halten. Noch sei China mit seinem Wachstum ein guter Markt auch für deutsche Produkte. Aber Deutschland wisse, "dass China selbst immer besser" werde. Eine "sehr große Herausforderung" nennt sie das für die Zukunft. Und das nicht zuletzt deshalb, weil daheim in Deutschland noch immer viele in der Welt des 19. und 20. Jahrhunderts verhaftet seien, mithin also in Zeiten, in denen Europa in ziemlich vielen Bereichen führend gewesen sei.

"Immerwährendes Ausbalancieren verschiedener Überzeugungen"

Allerdings hat Merkel vor den Kadern der kommunistischen Partei nicht nur über Geld, Wachstum und Krise geredet. Sie hat den ehemaligen Studenten auch einen Vortrag gehalten. Das war so vielleicht nicht geplant, aber auf Fragen zum chinesischen Entwicklungsmodell antwortet der deutsche Gast mit einer Schulung in westlicher Demokratie. China gehe "einen spannenden Weg" mit großer wirtschaftlicher Freiheit, aber einem ganz anderen Staatsaufbau als dem im Westen. Deutschland sei ein Land mit vielen Parteien, die dauernd in einem Wettbewerb stünden, mit der Konsequenz, dass sich ziemlich schnell auch die Machtverhältnisse ändern könnten. "Daraus ergibt sich ein immerwährendes Ausbalancieren der verschiedenen Überzeugungen." In China dagegen gebe es nur eine Partei - und deshalb stelle sich die Frage, ob es gelingen könne, alle möglichen Strömungen, Ideen und Bedürfnisse in einer einzigen Partei auszugleichen. Merkel kritisiert nicht, Merkel provoziert nicht, sie stellt nur diese eine Frage: "Kann das auf Dauer gutgehen?" Es ist mit nichts zu belegen, aber es ist an diesem Nachmittag auch nicht ausgeschlossen, dass Merkels freundliche Frage den einen oder anderen noch eine Weile beschäftigt.

Ministerpräsident Wen Jiabao freilich ist von der sehr sanften Provokation verschont geblieben. Er ist da schlicht nicht mehr dabei gewesen. Dafür wird er an diesem Samstag mit Merkel in der alten Hauptstadt Xi'an frühstücken, ein Unternehmen besuchen und der Kanzlerin dann die berühmte antike Terrakotta-Armee zeigen. Da wird die Parteiendemokratie deutscher Prägung wohl keine Rolle mehr spielen. (Seite 4 und Wirtschaft)

© SZ vom 17.07.2010/mob

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