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Mein Leben in Deutschland:Deutschland, Heimat der Bürokratie

Bürokratie

"Wieviel Zeit die Deutschen mit ihren Papierkriegen verbringen, vermag ich nicht abzuschätzen, aber es scheint mir überproportional viel."

(Foto: dpa)

Wenn unser syrischer Gastautor aufs Amt geht, muss er erst einmal den Kopf schütteln. Den ersten Brief, den er von der GEZ bekam, wird er nie vergessen.

Bis heute habe ich noch keinen Deutschen getroffen, der sich nicht über die hiesige Bürokratie beschwert hätte. Jeder kritisiert die Herrschaft der Bürokratie über sein Leben. Alle sehen die Bürokratie als etwas Unabänderliches, dem sie sich auf alle Zeiten und jederzeit zu unterwerfen haben. Sie ist ein Schicksal, das es zu ertragen gilt. Unglücklicherweise passen die englischen Begriffe "Bureaucracy - Germany - Germaucracy" einfach super zusammen.

Als ich langsam das Ausmaß der Behördenkriege am eigenen Leib zu spüren bekam, konnte ich gar nicht glauben, dass ein modernes Land wie Deutschland so tief in der Bürokratie steckt. Niemals hätte ich gedacht, dass die staatlichen Stellen Ewigkeiten für einen Bescheid benötigen. Noch viel unglaublicher schien mir, dass einfach mal Briefe, Akten oder Anträge verloren gehen können. Geradezu vom Glauben fiel ich ab, als ich mitbekam, dass auch deutsche Ämter Fehler mit tödlichem Ausgang begehen können. Eine Vorstellung, die ich bislang nur aus Gruselvorstellungen über die Dritte Welt kannte.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 43-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Allein, dass ich (ich wohne allerdings in Berlin...) zwei Monate auf einen Termin beim Bürgeramt warten musste - und das trotz der so modern anmutenden Online-Terminvergabe - erschien mir seltsam. Oder dass ich zwei Monate auf einen Termin beim Hautarzt warten musste. Was wäre denn gewesen, wenn ich die Krätze gehabt hätte, dann hätte ich ja innerhalb der Wartezeit die Hälfte der Berliner Einwohner infizieren können!

Ich fürchte, die Bürokratie ist so etwas wie eine unheilbare Krankheit

Mir ist zu Ohren gekommen, dass es mittlerweile Konferenzen und Vorträge gibt, die sich mit der bürokratischen Schieflage hier befassen, aber richtige Fortschritte scheint es keine zu geben. Ich fürchte, die Bürokratie ist so etwas wie eine unheilbare Krankheit, gegen die einfach kein Mittel gefunden werden kann.

Wieviel Zeit die Deutschen mit ihren Papierkriegen verbringen, vermag ich nicht abzuschätzen, aber es scheint mir überproportional viel. Vor allem, da ich verstanden habe, dass auch viele Deutsche oft gar nicht so richtig durch all die Anforderungen, komplexen Prozesse und administrativen Anweisungen blicken und sich dafür die Hilfe von Beratern erkaufen. Kann man sich nun vorstellen, wie all diese ohnehin schwer zu begreifenden Vorgänge von Geflüchteten gemeistert werden sollen?

Für diese Menschen kommt die Bürokratie mit dem Briefträger, der wie eine eifrige Biene auf bunten Rädern zwischen den Häusern umherradelt. Er ist derjenige, der diese tonnenschwere Belastung in Form von dünnen, leichten Brieflein bei uns abwirft.

Den ersten Brief, den ich von der GEZ bekam, werde ich nie vergessen. Sie wollten Geld von mir, das ich nicht hatte, folglich stellte mir das Jobcenter eine Bescheinigung aus, in der ich, als Empfänger von staatlichen Leistungen, von der Gebühr befreit wurde. Zwei Jahre später bin ich zum Teil immer noch auf diese Unterstützung angewiesen, bekomme aber immer weiter GEZ-Zahlungsaufforderungen, die ich mit immer neuen Kopien des immer selben Jobcenter-Dokuments beantworte. Warum das Jobcenter dieses Schreiben nicht direkt an die GEZ sendet, ist mir schleierhaft. Denn so müsste ich in meinem kleinen Schreibtischschrank nicht einen extra Aktenhänger dafür bereithalten, und der Angestellte der GEZ wäre sicherlich auch nicht unglücklich, auf die Pflichtübung des Briefversendens zu verzichten.

Das zweite bürokratische Trara überkam mich, als ich meine Tochter an der nächsten Schule anmelden wollte. Dort sagte man mir, dass dies nicht möglich sei, da die Schule sich nicht im selben Verwaltungsbereich wie unser Haus befände. Also ging ich zur für unseren Wohnort vorgesehenen Schule, die für meine kleine Tochter und mich viel, viel weiter entfernt liegt.

Irgendwie erscheint es mir selbst naiv und fast lächerlich, diese Problemchen mit denen anderer Geflüchteter zu vergleichen. Einer hat endlich eine Wohnung in einem anderen Bezirk gefunden. Er sollte, so hieß es in seinem Jobcenter, sich nun beim Jobcenter des anderen Bezirks anmelden. Leider sei es dem ersten Jobcenter aber unmöglich, seine Akte an das andere zu senden - er solle, so hieß es, dann dort alle Formulare nochmal ausfüllen und bitte auch seine Papiere alle erneut vorlegen oder abgeben. Das ist ein Vorgang, der so aufwändig sein kann, dass man ihn erst so richtig verstehen kann, wenn man ihn einmal (oder in seinem Fall dann eben auch ein zweites Mal) selbst durchlaufen muss. Warum aber muss das so sein? Einen anderen Grund außer dem, ihn zu schikanieren oder zu bestrafen, kann ich mir nicht ausdenken.

Zurück zu meinen deutschen Freunden: Eine Frau erklärte mir, dass sie seit sechs Jahren alles umstelle, damit sie Amtsschreiben ausschließlich per Email erhält. Den Tag, an dem ihre Kommunikation die Umstellung auf pure Elektronik erfahren soll, erwartet sie voller Vorfreude, wie sonst nur Kinder ihren Geburtstag. Aber ich vermute, dass sie nicht sehr lange glücklich sein wird. Denn auch wenn sie nun offizielle Post in ihrem E-Mail-Eingang und nicht im Briefkasten findet, werden es ja doch die gleichen Inhalte sein - nur eben in anderer Form.

Übersetzung: Jasna Zajcek

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