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Kolumne:Warum Syrern Autos so wichtig sind

Junge Einheimische waschen ihr Auto in einem See in Syrien. (2013, Archiv)

(Foto: imago stock&people)

Unser syrischer Gastautor sieht deutsche Politiker auf Fahrrädern und wundert sich - in seiner Heimat bedeutet das Auto alles. Eine neue Folge von "Mein Leben in Deutschland".

Kolumne von Yahya Alaous

Derzeit ist es in Deutschland normal, viele Syrer in Schulen zu sehen. Nicht nur in Sprachschulen, auch Fahrschulen sind stark nachgefragt - besonders natürlich die, in denen auf Arabisch unterricht wird. Nachdem Arabisch als Sprache für die Führerscheinprüfung offiziell zugelassen wurde, fiebern viele Syrer sehnsüchtig ihrem deutschen Führerschein entgegen. Einige wollen endlich ihre deutschen Traumautos fahren, oder wenigstens die Voraussetzungen dafür erfüllen. Andere wollen in den Gebrauchtwagenhandel einsteigen, wozu es nicht besonders viele Qualifikationen braucht.

Syrer haben eine besondere Beziehung zu Autos. In unserer Heimat war es nämlich nicht einfach, eines zu ergattern. Autos waren immer sehr teuer, die meisten Gehälter waren sehr niedrig. Wer eine bestimmte gesellschaftliche Position zur Schau stellen wollte, brauchte natürlich ein herzeigbares Auto.

Bei den Deutschen, zumindest den Berlinern, bin ich mir da nicht so sicher. Ein Freund sagte mir, dass in der Autofahrernation schlechthin ein Wagen früher auch ein wichtiges Symbol war. Aber mittlweile sei das anders. Zum einen, weil der Umweltschutz und der (kosten-)bewußte Umgang mit Ressourcen eine immer größere Rolle spiele und daher kleine und elektrische Autos im Kommen seien.

Zum anderen kenne ich selbst recht wohlhabende Deutsche, die ziemlich billige PKWs fahren. Für sie ist es einfach ein Transportmittel, und auf Statussymbole pfeifen sie. Die meisten Luxusautos, die ich in Berlin sehe, werden von Türken gefahren. Und dann gibt es natürlich noch die jungen Motorradfreaks, die sich um nichts in der Welt, nicht einmal ihre eigene Familie, so gut kümmern wie um ihre Zweiräder.

Was ich aber ganz bemerkenswert finde: Viele meiner Freunde hier in Deutschland haben Fahrräder, benutzen sie ständig, das ganze Jahr hindurch, und es stört sie überhaupt nicht, kein Auto zu besitzen! Das war und ist in Syrien überhaupt nicht denkbar. Die meisten meiner Landsleute sind erstaunt, wenn sie Fotos von europäischen Politikern auf Fahrrädern sehen. Diese veröffentlichen sie dann mit einer Mischung aus Verwunderung und Begeisterung in den Sozialen Medien. Aus der gesamten arabischen Welt kennen wir ja eher diese Bilder: Führer in majestätischen Konvois, in importierten Luxuslimousinen, natürlich mit schussicherem Glas und Panzerungen ausgestattet, die sich durch die Gegend chauffieren lassen. Niemals habe ich einen Beamten in Syrien auf einem Fahrrad gesehen. Nur die Armen fahren dort Rad.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 43-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

In den 1980ern wollte die syrische Regierung den Autohandel monopolisieren. Daher wurde ein nahezu unanwendbares Dekret erlassen. Dieses besagte, dass nur die Regierung den Bürgern ihre Autos abkaufen dürfte - natürlich zu fürchterlich niedrigen Preisen. Es gab nur einen anderen Weg, seinen PKW abzugeben: an seine Kinder, Eltern oder Ehefrauen. So wurde das Phänomen der - direkt aus dem Arabischen übersetzt, ein lustiges Wort - "Mobil-Ehefrauen" geschaffen. Diese Frauen haben Männer, die ihre Autos verkaufen wollten, geheiratet. Dann hat er ihr, gegen Geld, das Auto übertragen. Danach wurde die Scheidung eingereicht, und die Frau heiratete den nächsten, der interessiert war, damit sie ihm den Wagen gegen Geld übertragen konnte. Die Frau erhielt für jede Autotransfer-Eheschließung eine Kommission. Es ging immer so weiter.

Diese Frauen haben hauptsächlich in der Prostitution gearbeitet, aber durch das unanwendbare Dekret konnten sie sich einen deutlich besser bezahlten Wirtschaftszweig eröffnen. Allerdings war das ziemlich ungerecht für die Christen und all die anderen Religionen, die im Gegensatz zur islamischen Polygamie nur eine Ehefrau gestatten. Sie konnten an diesem Autohandelspiel überhaupt nicht teilnehmen. Die Regierung erkannte aber sowieso ein paar Monate nach der Einführung des Dekrets, wie dumm es gewesen war und kippte es.

Auch Mohammed Normalverbraucher sollte sich ein Auto kaufen können

In den 1990ern wurde der Autoimport dann offiziell für jedermann gestattet. Zwar wurden Autos mit sehr hohen Zöllen belegt, gleichzeitig gab es aber auch Kredite, die den Kauf für Mohammed Normalverbraucher ermöglichten. Für viele Syrer wurde damit ein Traum wahr. Sie verkauften das Gold der Ehefrauen, nahmen Hypotheken auf ihre Häuser auf oder verkauften sie gar, verschuldeten sich bei den Banken - um endlich ihren Traumwagen fahren zu können.

Als sich der erste Sturm der Begeisterung legte, stellten viele zwar fest, dass sie zu Sklaven der Banken geworden waren. Aber immerhin: jetzt waren sie Sklaven mit sehr modernen Autos!

Zu Beginn des Volksaufstandes im Jahr 2011 fuhr ein Panzer des Regimes über eine Reihe geparkter Autos. Jeder sah dieses Bilder aus Homs, einer rebellischen Stadt, deren Bewohner keine Ruhe geben wollten. Bilder, auf denen die geliebten Autos wie Käse unter einem Metallhammer schmolzen. Damals, bevor alles anfing zu eskalieren, war das eine fürchterliche Strafe. Denn die Regierung wusste nur zu gut, was diese Autos für die Menschen bedeuteten. Nämlich alles.

Übersetzung: Jasna Zajček

© SZ.de/lalse/bepe
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