bedeckt München 21°

Medien:Zahnbürste und warme Socken

"Ich kann nicht sagen, dass ich Angst habe. Ich mache meine Arbeit", sagt Jelena Tolkatschowa.

(Foto: privat)

Journalisten im Land müssen ständig mit der Festnahme rechnen.

Von Silke Bigalke

Jelena Tolkatschowa, 31, durfte am Sonntag nicht zur Demonstration gehen. Sie arbeitet als Journalistin für die unabhängige belarussische Nachrichtenseite tut.by. Vergangenen Donnerstag verlor diese ihren offiziellen Status als Massenmedium - das Informationsministerium hat ihn ihr entzogen. Es ist eine von vielen Schikanen, mit denen das Regime eine Berichterstattung über die Massenproteste verhindern will. Beinahe zeitgleich verloren auch alle ausländischen Korrespondenten ihre Akkreditierung - vorübergehend, wie es heißt.

Auch ein Presseausweis biete schon seit Wochen keinen Schutz mehr, sagt Tolkatschowa. "Journalisten werden gezielt angegriffen." Polizisten sähen die für Journalisten üblichen blauen Pressewesten, "kommen auf Korrespondenten zu, angeblich um Dokumente zu überprüfen, nehmen sie dann aber fest". Kollegen seien über Tage festgehalten, manche zu mehrtägigen Haftstrafen verurteilt worden. "Das passiert nicht zufällig", sagt Tolkatschowa. "Es gibt viele Korrespondenten, aber noch mehr Mitarbeiter der Rechtsorgane. Man erkennt uns am Gesicht, man weiß, dass wir bei Protestaktionen arbeiten." Deshalb ändert sich für sie wenig dadurch, dass ihre Redaktion den Pressestatus verloren hat - auch wenn das Risiko dadurch jetzt noch steigt. Bei Protesten, sagt sie, "wird gezielt Jagd auf uns gemacht".

Allein am vergangenen Sonntag sind in Belarus wieder 16 Reporter festgenommen worden. Es gebe fast täglich Gerichtsverfahren gegen Journalisten, sagt Boris Gorezkij, stellvertretender Vorsitzender des belarussischen Journalistenverbands BAJ. Laut BAJ sind seit der umstrittenen Präsidentschaftswahl im August 230 Journalisten festgenommen worden, 54 wurden verprügelt oder durch Gummischosse verletzt. "So einen Gewaltausbruch hat es noch nie gegeben", sagt Gorezkij.

Sie seien nun stets darauf vorbereitet, sagt Jelena Tolkatschowa, von einer Demo nicht nach Hause zu kommen. "Wir haben warme Kleidung und Socken in unseren Rucksäcken, Zahnbürsten für den Fall einer Festnahme." Angst habe sie keine. "Ich mache meine Arbeit. Es ist in unserem Staat leider so, dass man für diese Arbeit ins Gefängnis kommen kann." Nur ihr Privatleben leide längst darunter, sagt sie. "Man weiß nicht, wenn man festgenommen wird, ob es drei Stunden oder drei Tage lang dauert."

Ihre Chefredaktion habe nach Freitag beschlossen, keine Mitarbeiter mehr zu Demonstrationen zu schicken, "weil es wirklich gefährlich ist", sagt Jelena Tolkatschowa. Trotzdem berichten sie weiterhin darüber. "Die Behörden meinen, wenn Korrespondenten bei den Protesten fehlen, dann finden diese nicht statt." Dabei könne heute jedes Handy zum Massenmedium werden, sagt sie. "Unsere Leser schicken uns ohnehin sehr viele Bilder und Videos." Die Journalistin glaubt, dass das nur noch mehr werden.

© SZ vom 07.10.2020
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB