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Mecklenburg-Vorpommern:4,50 Euro je Quadratmeter, maximal

Grimmen: Der Bürgermeister will die städtische Wohngesellschaft an einen Investor verkaufen.

(Foto: imago stock)

Während die Menschen in Ballungsräumen über horrende Mieten klagen, hat Grimmen ein anderes Problem: Leerstand und zu geringe Preise. Woher das Geld nehmen, um marode Wohnblocks zu sanieren?

Von Thomas Hahn, Grimmen

Haus drei wird dieses Jahr fertig, danach kommt der Parkplatz dran. Und irgendwann wird dann auch das Verwaltungsareal hinter dem Rathaus ein Stück Grimmen sein, das man herzeigen kann. Seit zwei Jahrzehnten arbeitet die Stadt auf diesen Tag hin, was für Bürgermeister Benno Rüster (CDU) zeigt, dass Stadtentwicklung Zeit und Beharrlichkeit erfordert. Er steigt in sein Auto und fährt durch sein Hoheitsgebiet, vorbei an stattlichen Holzskulpturen, am hübschen Sportstadion, am großen Kulturhaus, an bunten Fassaden von Häusern, die private Investoren herausgeputzt haben - und schließlich in die Quartiere Südwest und Tribseer Vorstadt, in denen die Mieten günstig sind.

Klotzige Wohnblöcke. Verwitterte Fassaden. Immer wieder Fenster ohne Gardinen. In einem Hof wuchert das Unkraut. Diese Ruine eines achtlosen Eigentümers solle man sich ruhig mal anschauen, findet der Bürgermeister: "Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie das verwahrlost, wenn jemand die Dinge nicht betreut." Rüster ist nämlich der festen Überzeugung, dass es für die Entwicklung seiner Stadt nicht nur Zeit und Beharrlichkeit braucht, sondern auch vernünftige Privatinvestoren.

Ist es nicht eine Chance, in manchen Ecken des Landes noch günstig zu wohnen?

Der Landesrechnungshof in Mecklenburg-Vorpommern hat zuletzt in seinem Jahresbericht angemahnt, dass die Lage vieler kommunaler Wohnungsunternehmen bedenklich sei. Neben hohen Schulden bedrohten Leerstand und niedrige Mieten deren Existenz. Das klang wie die Meldung aus einer verkehrten Welt. Denn in den Großstädten ist das Gegenteil das größte Problem: zu wenig Wohnungen, zu hohe Mieten. Ist es nicht eher Chance als Verhängnis, in manchen Ecken des Landes noch preisgünstig zu wohnen?

Benno Rüster hat die Kritik des Landesrechnungshofes zur Kenntnis genommen und durchgewinkt. "Wir bekommen viele Mahnungen aus Schwerin", sagt er, "aus der Ferne lässt sich viel einfacher daherreden, als wenn man am Ort in der Verantwortung steht." Der parteilose Stadtrat Roland Wildgans sagt: "Den wirtschaftlichen Deckungsgrad sollte man sicherlich nie aus dem Auge verlieren, aber der Rechnungshof verengt seine Sicht darauf." Der ländliche Raum in Mecklenburg-Vorpommern ist strukturschwaches Gebiet, viele Kleinstädte hier können ihren Bürgern schon deshalb keine hohen Mieten zumuten. Und um die Lage in der 10 000-Einwohner-Stadt Grimmen zu erklären, muss Rüster etwas ausholen.

Zu DDR-Zeiten gab es in Grimmen einen großen Erdölbetrieb. In den Sechzigerjahren zogen deshalb 3000 Menschen her, der Staat baute für sie Wohnblöcke nach den damaligen Standards. Die Wende kam, der Erdölbetrieb wurde geschlossen, viele Menschen zogen weg. Trotzdem nahm die Grimmener Wohnungsgesellschaft (GWG) damals Millionen-Kredite auf, um sämtliche Wohnblocks zu sanieren. Heute steht die GWG mit 40 Millionen Euro Schulden und knapp 1800 veralteten Wohnungen da. 15 Prozent Leerstand, schlechte Energiebilanzen, Höchstmiete 4,50 Euro pro Quadratmeter. "Ein Trauerspiel", sagt Rüster. Mieterhöhungen brächten Geld, aber dafür sind die Wohnungen zu schlecht und das örtliche Lohnniveau zu niedrig. Bedarfsgerechte Sanierungen würden helfen, wirtschaftlichere Wohnungsgrößen auch; die Stadt müsste investieren. "Aber das können wir nicht." Rüster verweist auf das knappe Jahresbudget von zwölf Millionen Euro. Neue Schulden? "Eher lasse ich mich hier raustragen."

Deshalb sind Rüster und seine Anhänger für den Verkauf der GWG. Ein Investor soll mit seinem Geld die alten Mauern erneuern und Werbung machen für den Standort Grimmen an der A 20, etwa 30 Kilometer südlich von Stralsund, in der Natur, die Ostsee in der Nähe. "Ich sehne den Tag herbei, an dem die GWG in private Hände geht", sagt Rüster. "Und dabei geht es nicht ums Geschäft. Sondern um Machbarkeit und Lebensqualität."

In den Großstädten klagen viele Politiker darüber, dass man manchen städtischen Besitz früher besser nicht veräußert hätte. Es tobt dort ein Kampf gegen Spekulanten und Immobilienkonzerne um erschwinglichen Wohnraum. Genossenschaften und städtische Wohnungsgesellschaften sind die Hoffnung gegen Mieten, die Normalbürger an den Rand der Armut drängen.

Rüsters Verkaufspläne treffen deshalb nicht nur auf Begeisterung. Ein Bürgerentscheid zum GWG-Verkauf ist im Herbst knapp am Quorum gescheitert, aber von denen, die abstimmten, waren 85 Prozent dagegen. Und für den Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen kritisiert Direktor Andreas Breitner: "In einer Zeit, in der die Errichtung von bezahlbaren Wohnungen zu den wichtigsten politischen Zielen gehört, ist der Verkauf eines städtischen Wohnungsunternehmens grundsätzlich falsch und unsinnig." Er mahnt: "Ein einmal verkauftes Wohnungsunternehmen ist für immer dem direkten Einflussbereich der Stadt entzogen." Alternativen? Gibt es, glaubt Breitner: Sanierung der GWG, Umwandlung in eine Genossenschaft, Fusion mit einer anderen Genossenschaft, die Geschäftsbesorgung durch ein anderes Wohnungsunternehmen.

Es gibt auch eine Wohnungsgenossenschaft in Grimmen, aber eine Fusion findet Rüster keine überzeugende Idee. Er glaubt eher, dass die Genossenschaft die Konkurrenz einer privatisierten GWG fürchtet, weil der potenzielle Käufer aus seiner Sicht eben kein rücksichtsloser Immobilienhai sei. Der Immobilienunternehmer Herbert Hillebrand aus Hennef in Nordrhein-Westfalen hat schon einige Grimmener Gebäude zu Rüsters Zufriedenheit saniert und würde die GWG nehmen, die die Stadt derzeit noch jährlich mit 200 000 Euro subventioniert. Investitionen von 24,2 Millionen Euro hat Hillebrand in Aussicht gestellt.

Rüster fährt an den alten GWG-Wohnblocks vorbei. "Die Leute haben Angst, hier könnten lauter Nobelwohnungen entstehen." Er findet das übertrieben. "Wer soll denn hier in Nobelwohnungen ziehen?" Er glaubt an Hillebrands Sinn für die Grimmener Wirklichkeit. Außerdem würde der rechtliche Rahmen verhindern, dass die Mieten unverhältnismäßig steigen. Nach dem Bürgerentscheid überdenkt die Stadt ihre Pläne gerade. Aber für Bürgermeister Benno Rüster bleibt der GWG-Verkauf die beste Idee. Dem Landesrechnungshof dürfte sein Einsatz gefallen.

© SZ vom 12.02.2019

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