Machtkampf im Jemen Tausende feiern die Ausreise des Präsidenten

"Heute ist ein neuer Jemen geboren": Die Opposition bejubelt die Ausreise des verwundeten Präsidenten Salih nach Saudi-Arabien - auch wenn dieser offenbar vorhat, nach einer medizinischen Behandlung zurückzukehren. Die Oppostion setzt alles daran, genau das zu verhindern. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass das alte Regime seine Macht verteidigen will - mit allen Mitteln.

Das Regime wankt, aber es fällt noch nicht: Die Ausreise des bei einem Granatangriff verwundeten jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Salih löste bei der friedlich demonstrierenden Opposition Jubel aus. Tausende vor allem junge Regierungsgegner feierten in der Hauptstadt Sanaa und anderen Orten den Abflug Salihs nach Saudi-Arabien, wo er seine Verletzungen medizinisch behandeln lässt.

Freude über die Ausreise des verhassten Staatschefs: Junge Oppositionelle feiern in den Straßen von Sanaa

(Foto: dpa)

"Es ist vorbei, das Regime ist gestürzt" und "Heute ist ein neuer Jemen geboren", skandierte die Opposition vor der Universität in Sanaa, Fahnen wurden geschwenkt und Transparente hochgehalten, einige Studenten bemalten ihre Gesichter und Oberkörper in den Nationalfarben. Der Uni-Campus ist das Zentrum der monatelangen Proteste gegen den seit 33 Jahren autokratisch herrschenden Staatschef.

Ob der Präsident zurückkehrt, scheint ungewiss - wie sein Gesundheitszustand: Einem Vertrauten Salihs zufolge trug er bei der Attacke Verbrennungen und Kratzer im Gesicht und an der Brust davon. Diese seien jedoch nicht schwer, sagte der namentlich nicht genannte Präsidenten-Intimus zu Al-Dschasira. Andere Quellen sprechen von schweren Verwundungen: Ein Schrapnell von 7,6 Zentimeter stecke in der Herzgegend des 69-jährigen Salih, berichtete der britische Rundfunksender BBC am Samstagabend unter Berufung auf Regierungskreise.

Oppositionelle Jemeniten erklärten, Salih dürfe nicht in den Jemen zurückkehren, doch das alte Regime bäumt sich gegen seine Entmachtung: Das Staatsfernsehen sendete Durchhalteparolen zur Unterstützung der Regierung. Dort hieß es auch, dass Saleh nach seiner Genesung in den Jemen zurückkehren wolle.

Der BBC zufolge haben auch einige Verwandte Salihs sowie der Premierminister und andere Regierungsmitglieder den Jemen in Richtung Riad verlassen, womöglich wurden sie ebenfalls verletzt.

Wichtige Angehörige des Präsidenten-Clans harren demnach im Jemen aus - um die Macht zu sichern. Die Rede ist vom Sohn und zwei Neffen Salihs, die gemeinsam mit anderen Verwandten Elite-Truppen und Geheimdienste befehligen. Sie haben in der Vergangenheit mit den Amerikanern kooperiert - im Kampf gegen den Terrorismus. Die USA messen dem Jemen große Bedeutung bei, weil das arabische Land ein Rückzugs- und Rekrutierungsland für das Terrornetzwerk al-Qaida ist. In den vergangenen Jahren hatte die US-Armee mehrfach mit Duldung Salihs im Jemen Terrorverdächtige mit Kampfdrohnen getötet.

Gemäß der jemenitischen Verfassung wird Saleh während in seiner Abwesenheit von Vizepräsident Abdel Rabbo Mansur Hadi vertreten. Hadi soll wenige Stunden nach der Ausreise Salih US-Botschafter Gerald Feierstein getroffen haben, meldete Al-Arabija. Auch John Brennan, der Sicherheitsberater von US-Präsident Barack Obama, habe mit dem jemenitischen Vizepräsidenten Abed-Rabbo Mansur Hadi telefoniert, berichtete ein Vertreter des Weißen Hauses. Öffentlich äußerte sich Hadi bislang noch nicht.

Furcht vor den Stammeskämpfern

Nach wie vor läuft der Jemen Gefahr, im Bürgerkrieg zu versinken. Denn neben der friedlichen Opposition in den Städten streben auch mächtige Stämme, Islamisten und Kriminelle nach Macht. Nach Salihs Abreise verließen die Streitkräfte in der Hafenstadt Aden ihre Kontrollposten. In der Stadt Tais im Süden des Landes sollen bewaffnete Räuber etliche Gebäude gestürmt haben.

Bürger bildeten aus Angst vor weiterer Gewalt Ausschüsse. Aus Sorge, dass ihre friedliche Protestbewegung von Stammeskämpfern vereinnahmt wird, forderten die Demonstranten in Tais und der Hauptstadt Sanaa in einer gemeinsamen Erklärung die Bildung eines Übergangsrates mit Bürgern, "an deren Händen kein Blut klebt". Im Süden des Landes kamen indes nach Militärangaben bei zwei Anschlägen mutmaßlicher Taliban-Kämpfer am Wochenende neun jemenitische Soldaten ums Leben. Sie seien in Hinterhalte gelockt worden, hieß es.

Wie gefährlich die Lage ist, zeigt sich auch in der Hauptstadt Sanaa deutlich. Dort feiern einerseits die Regimegegner Salihs Ausreise, andererseits gibt es Berichte über neue Gewalt: Ungeachtet einer von Saudi-Arabien vermittelten Waffenruhe haben Augenzeugen am Sonntag erneut Schüsse und Explosionen vernommen, meldet Al-Dschasira. Zehn Menschen seien bei einem Granatenangriff auf ein Gebäude verletzt worden, das von abtrünnigen Militärangehörigen genutzt werde.