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Lübcke-Prozess:Diener seines Herrn

Prozess im Mordfall Lübcke: Stephan E. und der Verteidiger Frank Hannig

Verteidiger Frank Hannig (rechts) vertrat den mutmaßlichen Haupttäter Stephan Ernst und auch den sächsischen Justizbeamten Daniel Z..

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Ein Justizbeamter aus Dresden tauchte überraschend vor dem Haus des Mordopfers Walter Lübcke auf. Der Verteidigers des mutmaßlichen Täters hatte ihn geschickt.

Von Annette Ramelsberger, Frankfurt

Vor zwei Jahren hatte der Justizbeamte für Aufregung gesorgt. Daniel Z., Justizsekretär aus Dresden, hatte einen vertraulichen Haftbefehl gegen einen Verdächtigen im Fall des Mordes an einem Deutschen in Chemnitz kopiert und an die rechte Partei "Pro Chemnitz" weitergegeben. Die stellte Name und Adresse des Verdächtigen ins Netz. Der Justizbeamte hatte damit gegen das Gesetz verstoßen und den Verdächtigen in Gefahr gebracht. Später stellte sich heraus, dass der Mann gar nichts mit dem Mord in Chemnitz zu tun hatte.

Der Justizbeamte brüstete sich damals, dass er nur dafür sorgen wollte, dass nichts vertuscht werde. Er kandidierte dann erfolglos in Dresden für die AfD und ließ sich als Whistleblower loben. Im Herbst 2019 wurde er zu elf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Die Richterin bescheinigte ihm eine rassistische Motivation für seine Durchstecherei. Z. hatte die Krawalle von Chemnitz als "Kanaken-Klatschen" bezeichnet. Sein Anwalt war der Dresdner Frank Hannig.

Dieser Daniel Z. ist nun plötzlich zum Thema im Prozess um die Ermordung Walter Lübckes geworden. Denn wie nun bekannt wurde, ist Daniel Z. am 30. Juli 2019 vor dem Wohnhaus der Familie Lübcke in Wolfhagen-Istha aufgetaucht, wo zwei Monate zuvor der Neonazi Stephan Ernst den Kasseler Regierungspräsidenten auf dessen Terrasse erschossen hatte.

Um 12.20 Uhr stand Daniel Z. plötzlich vor dem Haus, die Polizeistreife, die dort aufpasste, war ganz perplex. Man hatte ihn nicht kommen sehen. Z. wollte mit seinem Handy Fotos von dem Grundstück machen. Da stiegen die Beamten aus und fragten, was los sei. Z. sagte, der Anwalt des Angeklagten Ernst schicke ihn, und er sei den Weg gegangen, den der Täter gegangen sei. Der Anwalt von Ernst war damals ebenfalls Frank Hannig. Hannig ist für seine Hemdsärmeligkeit bekannt, ganz offensichtlich hat er den einen Mandanten losgeschickt, um in der Sache des anderen was für ihn zu klären.

Inzwischen hat sich der Angeklagte Ernst von Hannig getrennt. Gegen den Anwalt läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Falschbeschuldigung. Hannig soll Ernst angestiftet haben zu sagen, nicht er selbst, sondern sein Kumpel Markus H. habe Lübcke ermordet. Das hat Ernst später wieder zurückgenommen und erklärt, er und sein Freund seien beide auf der Terrasse gestanden und er habe geschossen. Aber da glaubte ihm schon keiner mehr. Das Gericht setzte Markus H. auf freien Fuß - mit Verweis auf die Unglaubwürdigkeit Ernsts.

Nun aber soll ausgerechnet Hannigs Bote Daniel Z. helfen, die Glaubwürdigkeit von Ernst doch noch zu retten. Ernsts Verteidiger Mustafa Kaplan hat beantragt, Z. dazu zu befragen, was ihm sein Auftraggeber Hannig damals über die Mordnacht erzählt hat, als er ihn losschickte. Es geht darum, ob ein oder zwei Täter auf der Terrasse von Lübcke standen. Und ob der Mitangeklagte Markus H. von Hannigs Finte am Ende profitiert.

© SZ/henz
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