Loveparade: Suche nach den Schuldigen "Verantwortung wird abgeschoben"

Wie konnte es zu der Katastrophe bei der Loveparade kommen? NRW-Innenminister Ralf Jäger hat heute einen vorläufigen Bericht der Sicherheitsbehörden vorgelegt - und schwere Vorwürfe gegen den Veranstalter und die Stadt Duisburg erhoben.

Die Vorstellung der Ergebnisse in der Ticker-Nachlese.

Wer trägt die Verantwortung dafür, dass 21 Menschen bei der Loveparade starben und mehr als 500 verletzt wurden? Der Innenminister von NRW, Ralf Jäger, hat in einer Pressekonferenz einen ersten Bericht der Polizei vorgestellt - und schwere Vorwürfe erhoben: Der Veranstalter habe das Sicherheitskonzept nicht eingehalten und viel zu wenig Ordner bereitgestellt - und die Stadt Duisburg habe nicht ausreichend kooperiert. Verantwortung werde von Veranstalter und Stadt jedoch abgeschoben - "das empfinde ich als unterträglich", sagte der Minister.

Auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf zur Loveparade-Katastrophe in Duisburg präsentieren der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Ralf Jäger (SPD), und der Inspekteur der Polizei, Dieter Wehe (rechts), einen Plan des Veranstaltungsgeländes.

(Foto: Reuters)

Die wichtigsten Zitate und eine Rekonstruktion des Ablaufs der Katastrophe: Hier finden Sie die die Liveticker-Nachlese zur Vorstellung des Berichts.

Außerdem: Lesen Sie hier das Statement des Innenministers im Wortlaut.

14:54 Uhr

Wie konnte das passieren? Am Unglücksort in Duisburg sprechen Notfallseelsorger mit Teilnehmern der Loveparade und Angehörigen der Opfer. Viele beschäftigt die Frage, wie es zu der Katastrophe kommen konnte. Erste Antworten will der nordrhein-westfälische Innenminister Jäger in Düsseldorf geben.

14:57 Uhr

Um 15 Uhr soll die Pressekonferenz beginnen. Der Innenminister ist schon anwesend.

15:01 Uhr

Jäger startet mit Vorbemerkungen - er liest seine Erklärung ab. Der Innenminister, der selbst aus Duisburg kommt, spricht den Angehörigen sein Beileid aus und sagt, er hoffe auf Genesung für die Verletzten. Es gehe nun um unterschiedliche Verantwortlichkeiten, die damit verbunden seien, dass die Öffentlichkeit einen Anspruch auf Information habe. Dann der erste schwere Vorwurf: Veranstalter und Stadt würden Verantwortung abschieben, bevor alle Fakten geklärt seien - "das empfinde ich als unerträglich".

15:04 Uhr

Die Ermittlungen sind, so Jäger, noch nicht abgeschlossen - nur zwei Tage hatte die Polizei Zeit, Informationen für ihren Bericht sammeln. "Wir werden heute viele, aber nicht alle Fragen beantworten können, weil wir noch kein vollständiges Bild haben." Einzelne Erkenntnisse dürfen auf Wunsch der Staatsanwaltschaft außerdem nicht öffentlich gemacht werden.

15:07 Uhr

Der Inspekteur der Polizei in Nordrhein-Westfalen Dieter Wehe bekommt das Wort: Er soll den Ablauf der Katastrophe erklären.

15:09 Uhr

Er beginnt mit Zahlen: 1000 Ordner wollte der Veranstalter bei der Loveparade zur Verfügung stellen. 150 von ihnen sollten im Bereich des Güterbahnhofs, des Tunnels und des Bahnhofs eingesetzt werden. Die Polizei hatte 1000 Beamte im Einsatz, die Bundespolizei 1300 im Bereich des Bahnhofs.

15:13 Uhr

Die Polizei hatte, so Wehe, schon vor der Veranstaltung Sicherheitsbedenken. Die Genehmigung sei der Polizei von der Stadt aber erst am Samstagmorgen übergeben worden - obwohl schon vorher angefragt wurde.

15:14 Uhr

Der Polizeiinspekteur erklärt den Ablauf des Unglücks folgendermaßen: Eigentlich sei vereinbart gewesen, dass das Gelände um zehn Uhr (bei großem Andrang) oder zumindest um elf geöffnet würde. Weil das Gelände aber nicht fertig planiert war, durften die Besucher erst ab 12 Uhr auf das Partygelände - zu diesem Zeitpunkt gab es schon einen "großen Rückstau".

15:17 Uhr

Wehe berichtet weiter: Der Veranstalter bat die Polizei um 15.30 Uhr um Unterstützung für die Ordner, weil er fürchtete, den Stau an der Rampe zum Partygelände nicht mehr auflösen zu können.

15:19 Uhr

Laut Inspekteur Wehe setzten die Ordner die Anweisung der Polizei, keine Besucher mehr auf die Rampe zu lassen, nicht um - er weiß nicht, warum. Um halb fünf entfernten die Ordner laut Wehe "Zaunelemente", eines davon, um einen Krankenwagen durchzulassen - und bauten die Zäune nicht sofort wieder auf. Das Resultat: "Der Zulauf erhöhte sich".

15:22 Uhr

Ob die 150 vom Veranstalter versprochenen Ordner vor Ort waren, ist noch nicht klar. "Fest steht jedoch, dass die Ordner nicht ausreichten", sagt Wehe. Gegen 17.02 seien der Polizei erste Opfer auf der Rampe gemeldet worden.

15:24 Uhr

Anhand von Video-Standbildern und Skizzen erklärt Wehe weiter: Die Rampe zum Feiergelände war etwa 140 Meter lang. Im unteren Drittel herrschte extreme Enge - und von allen Seiten strömten noch mehr Menschen hinzu, weil die Zugänge nicht geschlossen wurden. Die Menschen drängten dann zu der schmalen Treppe, die aus dem Gedränge führte. An ihrem Fuß lagen Reste eines Absperrzauns - die Menschen stolperten darüber. 14 Todesopfer wurden später unmittelbar in der Nähe dieser Treppe gefunden.

15:28 Uhr

An dieser Stelle versagt dem Polizeiinspekteur, der seinen Vortrag in einer nüchternen Beamtensprache verfasst hat, beinahe die Stimme. Er führt noch in knappen Worten aus, wie die Menschen in der Masse erstickt sind - die Tränen hält er nur mit Mühe zurück.

15:31 Uhr

Innenminister Jäger übernimmt wieder. Er dankt den Rettungskräften, die noch Schlimmeres verhindert hätten. Und er kritisiert noch einmal sehr deutlich Veranstalter und Stadt, die die Polizei nicht ausreichend informiert hätten: Diese sei davon ausgegangen, dass die wesentlichen Bedenken ausgeräumt worden wären. Dass die Polizei die Genehmigung erst am Samstag zu Gesicht bekam, hält er für völlig unverständlich. Eine Zusammenarbeit "stelle ich mir anders vor".

15:34 Uhr

Jetzt werden die Fragen der Journalisten beantwortet. Wehe zählt noch einmal Einzelheiten auf, bei denen aus seiner Sicht der Veranstalter versagt hat - zum ausgemachten Zeitpunkt seien beispielsweise acht der Schleusen gar nicht besetzt gewesen. Später wurden die Einlassstellen nicht geschlossen, es drängten immer mehr Menschen Richtung Rampe - die Leute zurückzuhalten, "ging ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr".

15:46 Uhr

Innenminister Jäger verteidigt die Beamten: "Da, wo die Polizei zuständig war, hat es funktioniert. Im Veranstaltungsort hat nur einer die Verantwortung: Der Veranstalter." Und dessen Ordnersystem sei zusammengebrochen. Es habe aber zu keinem Zeitpunkt an Einsatzkräften der Polizei gemangelt und in deren Zuständigkeitsbereich sei auch niemand verletzt oder gar getötet worden. Außerdem habe die Polizei sofort geholfen, als die Polizei vom Veranstalter um Hilfe gebeten wurde, weil der die Kontrolle über die Situation verloren hatte. Jäger zitiert eine Augenzeugin - "vielleicht wächst dadurch das Verständnis": "Ich hatte Glück, ein Polizist hob mich auf, sagte immer wieder: atmen, ruhig atmen. Polizisten und Sanitäter packten an, wo sie konnten."

15:58 Uhr

Was war die Hauptursache? Innenminister Jäger will dazu nichts sagen, weil die Staatsanwaltschaft noch ermittelt - er zitiert aber einen zweiten Augenzeugen, der über die widersinnige Situation schreibt, dass am Eingang tödliche Enge herrschte - weiter hinten aber genügend Platz war.