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Landwirtschaft:Ein Gemüse als Symptom

Die Spargelzeit beginnt, doch es sind keine Helfer da, um die Ernte einzufahren. Das Coronavirus enthüllt gleich in mehreren Bereichen Strukturprobleme.

Auf deutschen Tischen ist der Spargel ein Unikum. Gurken, Tomaten, Salate - das alles gibt es das ganze Jahr über, aus Gewächshäusern, aus allen Teilen Europas, notfalls von fernen Kontinenten. "Spargelzeit" aber ist nur ein Mal im Jahr. Und kommt er dann auf den Tisch, dann hat er keine großen Wege hinter sich. Geerntet wird er gleich vor den Toren der Ballungsräume. Beim Spargel ernähren sich die Deutschen noch so, wie es sich Freunde der bäuerlichen Landwirtschaft wünschen: saisonal und regional.

Nur die Hände, die ihn ernten, sind nicht regional. In Deutschland gibt es besser bezahlte Tätigkeiten als das anstrengende Stechen von Spargel. Weil in normalen Jahren allein bis Mai 85 000 Erntehelfer aus Osteuropa anrücken; weil viele von ihnen Angst haben, nach der Heimkehr aus Deutschland in Quarantäne zu müssen; und weil obendrein der Bundesinnenminister vorige Woche ein Einreiseverbot für die Helfer verhängte, aus all diesen Gründen gibt es nun ein Problem. Und das just zu Beginn der Spargelzeit.

Der Boom dieses Gemüses ist phänomenal, aber die Engpässe beim Spargel sind nur Symptom für eine ganze Reihe von Problemen, die sich plötzlich auftun. Sie sagen eine Menge auch über das Verhältnis der Deutschen zur Landwirtschaft.

Das beginnt damit, dass der Ernteeinsatz das Virus verbreiten helfen kann. Denn die Helfer - oft Menschen, die sich ein spärliches Gehalt dadurch aufbessern, dass sie in Ferien auf deutschen Feldern schuften - sind in Deutschland nicht auf Rosen gebettet. Sie leben oft in Sammelunterkünften, die ein Virologe nur im Ganzkörperanzug beträte, unter bescheidenen hygienischen Bedingungen. Am Rand der Felder steht ein Dixi-Klo.

Das alles hat die Spargelkundschaft bisher nicht groß aufgeregt, zu teuer soll das Gemüse schließlich auch nicht sein. In der Corona-Krise wird es aber plötzlich zum Problem. Und das übrigens nicht aus Fürsorge gegenüber den Erntehelfern.

Ohnehin geht es um weit mehr als nur den Spargel. Schlacht- und Zerlegebetriebe arbeiten mit Helfertrupps aus Osteuropa, die Bedingungen sind nicht weit besser. Und auch in vielen anderen Betrieben, in denen nun etwa gepflanzt werden muss, damit es im Sommer etwas zu ernten gibt, fehlen die helfenden Hände, ebenso bei der demnächst beginnenden Saison der ersten Beeren.

Wie in vielen anderen Bereichen, von der Medizin über die Logistik bis hin zur digitalen Infrastruktur, enthüllt so das Virus auch in der Landwirtschaft Strukturprobleme. Kleinere Betriebe können sich leichter helfen als große, weil hier auch Freunde, Verwandte und Nachbarn einspringen können. Große Betriebe dagegen sind aufgeschmissen. Sie können auch keine besseren Löhne zahlen, weil sich höhere Preise im Handel schwer durchsetzen lassen.

Wie immer in der Landwirtschaft gilt: Gute Standards, egal ob bei der Unterbringung oder rund um die Ernte, kosten Geld. Im Kampf gegen das Virus macht es dabei auch keinen Unterschied, ob die Erntehelfer Osteuropäer oder Deutsche sind - die Bedingungen müssen besser werden. Das macht auch ein pauschales Einreiseverbot zumindest fragwürdig.

Beim Spargel übrigens tun sich noch ganz andere Probleme auf. Einen Großteil orderte bisher die Gastronomie. Selbst wenn sie könnten: Die Bauern sollten besser nicht zu viel davon ernten. Sonst verdienen sie noch weniger an dem Gemüse.

© SZ vom 02.04.2020

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