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Juso-Chef:Kühnert und die Frage der Verantwortung

SPD: Juso-Chef Kevin Kühnert in Wittenberg

Die Wahl oder Nichtwahl Kevin Kühnerts in den SPD-Vorstand ist eine Richtungsentscheidung.

(Foto: Jens Schlueter/Getty Images)
  • Kevin Kühnert gilt manchen in der SPD als Heilsbringer, anderen ist sein Ego zu groß. Nach seiner harten Kritik an der großen Koalition äußerte er sich zuletzt zurückhaltender.
  • Fest steht: Wenn der kommende SPD-Parteitag Kühnert in den Parteivorstand wählt, ist das auch eine Richtungsentscheidung.
  • Nicht nur seine Anhänger setzen große Hoffnung in ihn - auch er selbst traut sich viel zu.

Etwas mehr als 24 Stunden ist es her, da stand Kevin Kühnert vor der größten Bedrohung seiner noch immer jungen Politikkarriere. Am Mittwochmorgen titelten mehrere Medien, Kühnert würde die große Koalition verteidigen. Ausgerechnet der Juso-Vorsitzende, der zwei Jahre lang so viel Kritik am Bündnis von Union und SPD geübt hatte, soll sich gedreht haben? Kühnert, der Umfaller, schrieben einige in den sozialen Netzwerken. Endlich sei da jemand zur Vernunft gekommen, kommentierten andere.

Was war passiert? Kühnert hatte der Rheinischen Post ein Interview gegeben. Nun ist es so, dass Zeitungen in Agenturmeldungen nachrichtlich relevante Aussagen aus dem Interview hervorheben. In genau so einer Agenturmeldung stand, Kühnert habe gesagt: "Wer eine Koalition verlässt, gibt einen Teil der Kontrolle ab." Auch das, so Kühnert, sollten die Delegierten auf dem Bundesparteitag berücksichtigen. "Nicht weil sie Angst bekommen sollen, sondern weil Entscheidungen vom Ende her durchdacht werden müssen."

Kühnert äußert sich zurückhaltend

Der 30-Jährige sah sich gezwungen zu reagieren. Auf Twitter lud er ein zweiminütiges Video hoch, in dem er sagte: Ja, er hätte das so gesagt, der Zusammenhang aber sei falsch dargestellt. Im Interview ging es davor um die Frage, wie es denn nach einem möglichen Ausscheiden aus der Koalition weitergehen solle. Daraufhin habe er eben geschildert, das hätte die SPD dann nicht mehr in der Hand, sie gebe die Kontrolle ab.

An seiner Haltung habe sich nichts, aber auch gar nichts geändert. Er habe weiterhin keine Angst davor, mit der SPD in den kommenden drei Monaten in einen Bundestagswahlkampf zu ziehen. "An mir soll's nicht scheitern."

Vielleicht hatte sich nichts an seiner Haltung geändert, aber bei näherer Betrachtung des Gesprächs fällt auf, dass Kühnert sich weitaus zurückhaltender äußert, nicht auf die große Pauke haut. Man solle Entscheidungen vom Ende her denken, sagt er. Es sind keine alarmistischen, aber mahnende, überlegte Worte, die wohl mit seiner neuen Verantwortung zu tun haben.

Denn seit dem Sieg von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans ist Kevin Kühnert nicht mehr nur ein einfacher Juso-Vorsitzender. Er ist Teil der Führungsmannschaft. Ohne ihn und seine Jusos hätte das Duo niemals gewonnen. Kühnert war, ohne zu übertreiben, der Wegbereiter.

Die Wahl oder Nichtwahl Kühnerts ist eine Richtungsentscheidung

Und Kühnert will Verantwortung übernehmen. Am liebsten als stellvertretender Vorsitzender, das hatte er erstmals vor zwei Wochen gesagt. "Ich werde mit Sicherheit für den Parteivorstand kandidieren, weil ich es auch für völlig unschlüssig hielte, zwei Jahre lang auch viel Kritik zu üben und Kurskorrekturen zu fordern, aber dann zu sagen: Machen will ich sie nicht. Das wäre sehr bequem, zu bequem."

Die neugewählte Parteispitze überraschte zu Beginn des Parteitags nochmal mit einem Antrag. Eigentlich war man sich darüber einig, nur noch drei Stellvertreter in den Vorstand zu wählen. Als sich dann aber eine Kampfkandidatur zwischen Hubertus Heil und Kühnert abzeichnete - und der Juso-Vorsitzende nicht vor dem Duell zurückschreckte - suchte die Spitze nach einem Kompromiss. Also einigte man darauf, dass es doch fünf Stellvertreter sein würden. So vermieden Esken und Walter-Borjans die Konfrontation zwischen Regierungsmitgliedern und dem beim Mitgliedervotum siegreichen linken Flügel. Das Führungsduo will demonstrieren, dass es alle miteinbeziehen will.

Zu Kevin Kühnert hat gefühlt die gesamte SPD eine Meinung. Für die einen ist er ein Heilsbringer, der endlich Schwung in die Partei brachte. Für andere besitzt er ein zu großes Ego. Seine Ideen seien, so wird es häufig geschrieben, zu "radikal". Seine wortreiche Kritik an der Groko ist bekannt. Genauso sein Interview in der Zeit, in dem er sagte, BMW solle am besten "kollektiviert" werden. Man bekam den Eindruck, Deutschland fürchte sich wieder vor dem Sozialismus und der hat ein Gesicht. Das von Kevin Kühnert.

Doch was soll das eigentlich heißen, radikal? Er selbst hat nicht den Eindruck, dass er es sei. "Ich würde sagen, ich habe mich deutlich weniger radikal geäußert als viele meiner Amtsvorgänger und mir vieles an Juso-Folklore gespart, was sonst zum guten Ton dazu gehört hätte."

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