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Kuba:"Dieser Machtwechsel interessiert uns nicht"

Ein Auto fährt auf einer Straße bei Havanna an einem Plakat mit dem Bild Raúl Castros vorbei.

(Foto: AP)

Raúl Castro tritt als Staatschef ab. Doch die Kubaner haben andere Sorgen. Sie wünschen sich endlich eine funktionierende Wirtschaft - und erhoffen sich dabei wenig vom Nachfolger der Castros.

Wenn Ernesto Deutscher wäre, dann hätte er wohl ein recht gutes Leben. Er ist Ende 20, er hat Geschichte studiert, an der Uni war er derjenige, der die besten Noten hatte. Nach dem Abschluss gaben sie ihm einen Job an der führenden Uni des Landes, er lehrt dort jetzt, sein Fachgebiet: Kolonialismus. Ernesto könnte glücklich sein. Doch als neulich einer seiner Studenten zu ihm kam, um ihn zu fragen, was er tun müsse, um auch Dozent zu werden, antwortete er: "Du musst dir jemanden suchen, der dich am Leben hält."

Ernesto ist Kubaner, und für seine Dozentenstelle an der Universität von Havanna bekommt er im Monat umgerechnet 15 Euro. Mit einem Bekannten teilt er sich eine Wohnung im Osten der kubanischen Hauptstadt, für sein Zimmer zahlt er 60 Euro Miete, das Vierfache seines Lohns. "Zum Glück habe ich meine Mutter", sagt Ernesto ins Telefon. Sie arbeitet als Buchhalterin in einem Restaurant, in das viele Touristen kommen. Diese zahlen in harter Devisen-Währung, und so fällt für die Mutter von Ernesto, dem Universitätsdozenten, so viel ab, dass sie ihrem Sohn die Miete bezahlen kann.

Kuba

Havanna nach Fidel Castro

Kuba ist in diesen Tagen mal wieder in den weltweiten Schlagzeilen, die Rede ist von einer historischen Transition, weil nun, nach 59 Jahren, der Staatsschef in Havanna nicht mehr Castro mit Nachnamen heißt. Fidel, der langjährige Revolutionsführer, ist 2016 gestorben, sein inzwischen 86-jähriger Bruder Raúl hat nun aus Altersgründen das Ruder an den fast 30 Jahre jüngeren Parteikader Miguel Díaz-Canel abgegeben.

Das Paradoxe ist: Ernesto und andere Kubaner, mit denen man in diesen Tagen spricht, sagen: "Dieser Machtwechsel interessiert uns nicht." "Unsere prinzipielle Sorge", so formuliert es die kubanische Hausfrau Yolanda, "ist, wann es endlich wieder bergauf geht." In den neuen Präsidenten setzen sie wenig Hoffnung, da dieser das Programm seines Vorgängers fortsetzen will und Raúl als Chef der Kommunistischen Partei und des Politbüros ohnehin einen großen Teil seines Einflusses behält.

Nach seiner Machtübernahme ab 2008 hat Raúl Castro versucht, die kubanische Wirtschaft vorsichtig zu liberalisieren - nicht, um die Revolution seines Bruders Fidel zu beenden, sondern um sie zu retten. Die Reformen sind jedoch im Sande verlaufen. Das Resultat ist, dass die Misswirtschaft in Kuba inzwischen absurde Züge angenommen hat.

Für junge Kubaner ist es finanziell gesehen viel erstrebenswerter, Kellner in einer Touristenkneipe oder Fremdenführer zu werden, als Ingenieurwesen zu studieren, Medizin oder Geschichte, so wie Ernesto. Die meisten Akademiker werden in der nahezu wertlosen Staatswährung bezahlt, während die Arbeiter und Kleinunternehmer im Tourismus und auf dem Schwarzmarkt ihr Geld in der harten Devisenwährung bekommen, dem konvertiblen kubanischen Peso (CUC), der 1:1 an den US-Dollar gekoppelt ist. Raúl hatte die Probleme erkannt und erklärt, er wolle die beiden Währungen wieder zusammenführen und die Privatwirtschaft ausbauen. Doch dabei ist er gescheitert, teils gegen ideologische Widerstände und teils, weil seine Berater eine nicht mehr zu kontrollierende Inflation befürchteten.

Manche Kubaner verdienen sich als "Einkaufshelfer" etwas dazu

Früher einmal hätten sie die Devisen ja nicht wirklich gebraucht, erinnert sich Yolanda, die Hausfrau, die ihren echten Namen ebenso wie Ernesto lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Über die Libreta, die staatliche Lebensmittelkarte, gab es viele Waren stark vergünstigt. Nach und nach aber sind die Rationen immer weiter zusammengestrichen worden, zum Leben reicht es lange nicht mehr. Zudem sind die Läden, die den herkömmlichen kubanischen Peso akzeptieren, oft wie leergefegt. Mal gibt es kein Spülmittel, mal kein Klopapier, oft kein Fleisch. Und für das, was es gibt, muss man stundenlang Schlange stehen.

Ernesto hat einen Trick ersonnen, mit dem er seine Chancen auf einen erfolgreichen Einkauf steigern kann, so erzählt er es. "Ich habe mich mit einer meiner Nachbarinnen gut gestellt, sie ist Rentnerin." Wenn er morgens zur Arbeit müsse, stelle sich die Nachbarin in die Schlange vor dem staatlichen Laden. "Sie bringt mir dann ein paar Kilo Kartoffeln mit, oder was auch immer. Abends, wenn ich wiederkomme, wäre sicher nichts mehr da." Manche Kubaner haben daraus ein Geschäft gemacht und verdienen sich als Einkaufshelfer etwas dazu.

Ernesto hat sich mit der Situation arrangiert, sagt er, ebenso wie Yolanda. Sie beherberge manchmal Touristen bei sich zu Hause, damit komme sie über die Runden, erzählt sie. Die beiden wissen auch, dass Protest auf Kuba nach wie vor nicht ratsam ist. Die kleine Gruppe der Dissidenten wird regelmäßig festgenommen, wenn sie zu Demonstrationen aufrufen; in den staatlichen Medien werden sie zudem als US-Spitzel gebrandmarkt. Auch daran dürfte sich nach dem Machtwechsel in Havanna nichts ändern - der neue Staatschef Díaz-Canel hat schon vor Monaten angekündigt, er wolle gegen die "Konterrevolutionäre" vorgehen.

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