Kryptowährungen:Heizen mit Geld

Der Boom der digitalen Zahlungsmittel hat skurrile Nebenwirkungen: warme Häuser zum Beispiel.

Von Jannis Brühl

Die Liebe zum Eigenheim ist ungleich verteilt. Wenn der Grüne Anton Hofreiter am einen Ende der Skala zu verorten ist, werkelt am anderen Ende Christian Haschek vor sich hin. Der 33-jährige IT-Fachmann kennt jedes Stromkabel seines Hauses in Niederösterreich. Nun hat er eine Heizung gebastelt, die für ihn Geld verdient: einen Computer mit vier Grafikkarten, die so heftig arbeiten, dass sie 80 Grad heiß werden. Mit der Maschine produziert Haschek die Kryptowährung Ether - einen Konkurrenten von Bitcoin. Anders als Geld von einer Zentralbank werden Kryptowährungen von Computern errechnet. Um einen Ether zu erzeugen, müssen sie mathematische Rätsel knacken - sie minen. Dabei werden die Prozessoren sehr warm.

Hascheks Miner - ein unauffälliger Kasten voller Kabel und Platinen - steht in seiner Garage. Die Abwärme der Maschinen erhitzt die Luft, die in Niederösterreich nachts auf weit unter null Grad fallen kann. "An kalten Tagen hatte ich sechs bis acht Euro Stromkosten am Tag, jetzt nur noch die Hälfte", sagt er.

Das klingt verrückt, weil die Produktion von Kryptowährungen notorisch viel Strom verbraucht. Doch der Hype ist groß, die Kurse gehen durch die Decke, und Hascheks alter Computer ist zur heizenden Geldmaschine geworden. Eine Einheit Ether ist derzeit 1200 Euro wert, Hascheks "Heizung" produziert unablässig Bruchteile davon: "Obwohl die Karten drei Euro Stromkosten verursachen, kriege ich am Tag zwölf Euro damit raus."

Krypto-Heizer wie Haschek haben ihre Stromrechnung direkt an einen Spekulationsboom gekoppelt. Immer deutlicher wird, dass Ether und Bitcoin weniger Währungen im klassischen Sinne sind als reine Wetten. Verbraucherschützer warnen vor einer Blase, von der am Ende statt verdorrter Tulpen nur ein paar durchgeschmorte Computer bleiben.

Die Abwärme von Computern zum Heizen zu nutzen, diese Idee haben nicht nur Kryptowährungsfanatiker. Im ehemaligen Rechenzentrum der Europäischen Zentralbank in Frankfurt lassen heute Unternehmen künstliche Intelligenzen Aufgaben lernen. Die Wärme der Computer beheizt das Hotel darüber.

Für eher ineffizient hält man Hascheks Heizung am Leibniz-Rechenzentrum (LRZ) in Garching, wo der Hochleistungsrechner SuperMUC steht. Er simuliert für Wissenschaftler etwa Molekülstrukturen für Arzneimittel. Dabei produziert er ein Zigfaches von Hascheks Garagen-Konstruktion an Wärme. Die Garchinger Forscher heizen mit dem Superrechner ihre Büros. LRZ-Leiter Dieter Kranzlmüller sagt, er habe sogar zu viel Computerwärme: "Es ist eine Herausforderung für uns, Abnehmer für den Rest zu finden." Und er klärt auf: "Computer 'verbrauchen' keinen Strom. Sie wandeln elektrische Energie in Wärmeenergie um, und das sehr effizient." Nur deshalb lohnt sich Hascheks Konstrukt - solange der Strom billig und der Ether-Kurs hoch ist.

Alles hängt also an der Ether-Hysterie: "Das könnte alles negativ enden", sagt Haschek. "Wenn der Preis zu weit sinkt, werde ich den Miner abdrehen. Oder wenn es draußen zu warm wird."

© SZ vom 27.02.2021
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