Krieg in der Ukraine:Zivilisten und Infrastruktur im Visier

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Krieg in der Ukraine: Raus, nur raus: Wie hier in einem Außenbezirk von Kiew fliehen die Menschen vor dem, was da kommen könnte: immer mehr Zerstörung ziviler Lebensräume durch die russische Armee.

Raus, nur raus: Wie hier in einem Außenbezirk von Kiew fliehen die Menschen vor dem, was da kommen könnte: immer mehr Zerstörung ziviler Lebensräume durch die russische Armee.

(Foto: Emilio Morenatti/AP)

Russland erhöht den Druck auf die ukrainische Bevölkerung und schneidet sie von der Versorgung ab. 1,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht, und Präsident Selenskij ruft zum Gegenangriff auf.

Von Florian Hassel und Stefan Kornelius, München

Auch am elften Kriegstag haben russische Einheiten zivile Ziele und lebensnotwendige Infrastruktur in der Ukraine massiv angegriffen. Ein zweiter Evakuierungsversuch für die in der Hafenstadt Mariupol eingeschlossene Bevölkerung scheiterte nach kurzer Zeit. In der Stadt Irpin nordwestlich von Kiew wurden fliehende Zivilisten mit Granaten beschossen und getötet. Die Vereinten Nationen sprechen von der größten humanitären Flüchtlingskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. Verschiedene Regierungschefs erzielten mit Vermittlungsbemühungen bei Russlands Präsidenten Wladimir wenig Erfolg.

Russlands Militär konzentrierte sich auch am Wochenende auf Angriffe an der Schwarzmeerküste, vor allem auf die Städte Odessa und Mariupol sowie auf die Hauptstadt Kiew. Nach Berichten lokaler Informanten und der Einschätzung unabhängiger Militärexperten machte Russland dabei wenig Fortschritte, erhöhte aber den Druck durch massiven Artillerie- und Raketenbeschuss auf zivile Ziele. Aus Irpin zeigte die New York Times Bilder einer vierköpfigen Familie, die auf der Flucht von russischen Granaten getroffen wurde. Zwei Kinder und ihre Mutter waren auf der Stelle tot.

Das Rote Kreuz teilte mit, dass die verabredete Evakuierung von Zivilisten aus Mariupol gescheitert sei, weil der Beschuss nicht aufgehört habe. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestätigte, dass es mehrere Angriffe auf Gesundheitszentren gegeben habe. Es seien dabei mehrere Menschen getötet und verletzt worden, schreibt WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Jenseits der intensiven Angriffe auf die Zivilbevölkerung wird auch die Infrastruktur des Landes - Häfen, die Eisenbahn und die Energieversorgung - systematisch zerstört. Würde neben der Hafenstadt Mariupol auch Odessa eingenommen, wäre die Ukraine vom Schiffstransport abgeschnitten, mit katastrophalen Folgen für die Versorgung und Wirtschaft. Über Odessa läuft ein Großteil des Imports und Exports - von Weizen und Stahl über die Einfuhr von Konsumgütern und Lebensmitteln. Die Wochenzeitung Serkalo Nedelji (SN) berechnete, dass bei einem Verlust der Südukraine und des Seetransports 60 Prozent der Exporte und bis zu 40 Prozent der Wirtschaftskraft des Landes verloren gingen.

Die russischen Streitkräfte könnten auch die Energieversorgung der Großstädte vom Netz abschneiden. Die Atomkraftwerke Tschernobyl und Saporischschja sind bereits unter russischer Kontrolle. Der ukrainische Generalstab warnte am Samstag, eine russische Militärkolonne sei offenbar auf dem Weg zum rund 125 Kilometer südöstlich von Kiew am Dnjepr-Fluss liegenden Wasserkraftwerk Kaniw.

Ein großer Teil der Energie wird von Kohlekraftwerken erzeugt. Doch Serkali Nedelji zufolge klagten die Kraftwerke schon im Herbst über unzureichende Lieferungen. Zudem werden die Kohlekraftwerke per Eisenbahn versorgt. Russland dürfte versuchen, möglichst schnell Eisenbahnknotenpunkte im Süden und Osten der Ukraine unter Kontrolle zu bekommen.

Schon jetzt haben Hunderttausende Ukrainer im Osten und Süden der Ukraine keine Heizung mehr. Das Erdgastransportsystem der Ukraine teilte am Sonntag mit, es habe Gasverteiler in den Regionen Donezk und Luhansk ebenso sperren müssen wie in Charkiw, Mikolajew, Saporischschja und Kiew. In Millionen Häusern und Wohnungen in der Ukraine wird Gas zum Heizen und zum Kochen verwendet.

Krieg in der Ukraine: Auch am Wochenende haben Zehntausende in Europa, hier in Barcelona, gegen die russische Invasion der Ukraine demonstriert.

Auch am Wochenende haben Zehntausende in Europa, hier in Barcelona, gegen die russische Invasion der Ukraine demonstriert.

(Foto: Lluis Gene/AFP)

Der Flüchtlingsstrom schwillt unterdessen weiter an. Polen erwartete am Wochenende, dass die Zahl der Ukrainer im Land die Millionengrenze überschreiten würde. Nach Schätzungen der UN-Flüchtlingsorganisation haben bereits 1,5 Millionen Menschen das Land verlassen.

De ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij rief seine Landsleute erneut zu Widerstand und zum Gegenangriff auf. Nach ukrainischen Angaben sind mehr als 10 000 russische Soldaten getötet worden. Britische Geheimdienstkreise sprechen von einer unzureichend vorbereiteten Invasionsarmee, deren Angriffstaktik nicht aufgegangen sei und deren Waffentechnik versage. Offenbar hofft die Ukraine auf die Überlassung von Kampfflugzeugen russischer Herkunft aus polnischen Beständen. Polens Regierung dementierte entsprechende Berichte, allerdings scheint US-Außenminister Tony Blinken entsprechende Vereinbarungen während eines Besuchs in Polen diskutiert zu haben.

Russlands Präsident Wladimir Putin zeigte sich vom Kriegsgeschehen unbeeindruckt und wiederholte, dass die Kämpfe erst eingestellt würden, wenn die Forderungen Russlands erfüllt seien. Putin zeigte sich erstmals in einer längeren Passage im Fernsehen. Vermittlungsbemühungen durch den israelischen Premier Naftali Bennett und den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan führten zunächst zu keinem sichtbaren Erfolg. Als letzte Institute der globalen Finanzindustrie stoppten nun auch Mastercard und Visa ihr Russlandgeschäft.

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