bedeckt München 10°
vgwortpixel

Krieg in Libyen:Gaddafis Truppen kurz vor der Eroberung Misratas

Die Rebellen versuchen verzweifelt, die einzige von ihnen kontrollierte Stadt im Westen Libyens zu halten. Doch Gaddafis Truppen sind bis in die Innenstadt vorgedrungen. Ein Sohn Gaddafis behauptete in einer Zeitung: "Wir haben keine Verbrechen gegen unser Volk begangen."

Die Truppen des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi sind nach tagelangen Kämpfen bis ins Zentrum Misratas vorgedrungen, der einzigen von Rebellen gehaltenen Stadt im Westen des nordafrikanischen Landes. Sie hätten dabei schwere Waffen eingesetzt und würden von Scharfschützen unterstützt, berichteten Einwohner und ein Aktivist.

Ein Mann versucht sich in Misrata in Sicherheit zu bringen: Die Stadt wurde offenbar von den Truppen Gaddafis zurückerobert.

(Foto: AFP)

Mindestens 17 Menschen seien allein am Sonntag getötet worden. Der Aktivist Rida al-Montasser sagte über den Internetdienst Skype, in einem Krankenhausbericht sei die Zahl von 17 Toten und 74 Verletzten genannt worden. Ein Mitarbeiter einer Nichtregierungsorganisation, der nach eigenen Angaben das Krankenhaus am Sonntag besuchte, bestätigte die Zahlen.

Unter den Toten sei ein junges Mädchen mit einem Kopfschuss. Auch unter den Verletzten befänden sich mehrere Kinder. Der Mitarbeiter einer ausländischen Nichtregierungsorganisation wollte aus Sicherheitsgründen seinen Namen nicht genannt wissen.

Seit vergangener Woche seien bei den Patienten besonders schwerwiegende Verletzungen festgestellt worden, die von dem Einsatz von Streubomben herrührten. Nach Angaben der Ärzte mussten zahlreichen durch Streubomben verletzten Menschen Gliedmaßen amputiert werden, um sie zu retten.

Montasser sagte, bis in die späte Nacht seien Explosionen in Misrata zu hören gewesen. In Tripolis wies Regierungssprecher Mussa Ibrahim am Sonntag erneut Vorwürfe zurück, Gaddafis Truppen hätten in Misrata international geächtete Streubomben eingesetzt. Er warf der Nato vor, mit Luftangriffen Partei für die Rebellen ergriffen zu haben. In deren Reihen befänden sich auch Kämpfer des Terrornetzwerks al-Qaida, sagte Ibrahim.

Auch ein Sohn Gaddafis wies Vorwürfe über Gewalt gegen regierungskritische Demonstranten und Zivilisten zurück. "Wir haben keine Verbrechen gegen unser Volk begangen", sagte Seif al-Islam der Washington Post in einem Interview.

Berichte, wonach Sicherheitskräfte zu Beginn der Unruhen im Februar auf Demonstranten geschossen hätten, verglich er mit den Vorwürfen vor Beginn des Irakkriegs, wonach der damalige irakische Diktator Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besaß. "Massenvernichtungswaffen, Massenvernichtungswaffen, Massenvernichtungswaffen - und schon wird der Irak angegriffen", sagte Seif al-Islam. "Zivilisten, Zivilisten, Zivilisten - und schon wird Libyen angegriffen."

Die Behauptung der USA, Saddam Hussein habe Massenvernichtungswaffen besessen, hatte sich nach dem Einmarsch im Irak 2003 als falsch herausgestellt. Seif al-Islam wies auch Berichte der Vereinten Nationen, von Ärzten, ausländischen Journalisten und Menschenrechtlern zurück, wonach in der umkämpften Hafenstadt Misrata Zivilisten von Gaddafi-Soldaten getötet wurden. "Das ist nicht passiert. Das wird nie passieren."

Die USA sollten Libyen bei der Bekämpfung des Terrornetzwerks al-Qaida unterstützen. Sobald die "Terroristen" in Misrata und der Rebellenhochburg Bengasi besiegt seien, werde die Macht seines Vaters in einer neuen Verfassung beschränkt.

Ein Sprecher Gaddafis sagte am Sonntagabend, die Beteiligung al-Qaidas an der Rebellion sei "bewiesen". Es gebe Informationen, wonach ein Al-Qaida-Anführer sich mit rund zwei Dutzend bewaffneten Kämpfern von Bengasi aus auf den Weg nach Misrata gemacht habe. "Es wäre sehr gefährlich, wenn diese Leute sich in unserem Land festsetzten, seine Zukunft und seine unglaublichen Reichtümer kontrollierten, und das so nahe von Europa", sagte der Sprecher.

Nach Angaben von Ärzten im Krankenhaus von Misrata sind in den vergangenen sechs Wochen etwa tausend Menschen getötet worden. Zudem habe es etwa 3000 Verletzte gegeben. Der Verwalter des Krankenhauses in Misrata, Chaled Abu Falgha, sagte vor Journalisten, bei 80 Prozent der Getöteten handele es sich um Zivilisten.

Unterdessen einigten sich die Vereinten Nationen nach Angaben von Generalsekretär Ban Ki Moon mit der libyschen Regierung am Montag eine Vereinbarung getroffen, wonach die Organisation humanitäre Hilfe in der libyschen Hauptstadt Tripolis leistet. Ban sagte, das Abkommen, mit der eine "humanitäre Präsenz" in Tripolis geschaffen werden solle, sei am Sonntag von seinem Sondergesandten für Libyen und der UN-Koordinatorin für humanitäre Hilfe, Valerie Amos, unter Dach und Fach gebracht worden. Ban zufolge leisten die Vereinten Nationen bereits humanitäre Hilfe in der libyschen Rebellenhochburg Bengasi. Der UN-Generalsekretär sagte, die Grundbedürfnisse zehntausender Menschen in Libyen seien nicht gedeckt.