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Kommunalwahl:Die Zahlendeuter von Dresden

Bürgermeisterwahl - Tatjana Festerling

Mit Fahne am Auto: Die von Pegida getragene Kandidatin Tatjana Festerling erhielt überraschend gute 9,6 Prozent der Stimmen.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Bei der Wahl des Oberbürgermeisters verliert die CDU ihre letzte wirkliche Großstadt, Pegida erreicht fast zehn Prozent. Und jeder will Sieger sein.

Der Tag nach Wahlen gehört in aller Regel der politischen Materialwissenschaft, es werden dann Zahlen verbogen und auf virtuose Weise neu gruppiert, bis schließlich alle sagen, sie hätten gewonnen, irgendwie. Der Montag nach der Oberbürgermeisterwahl in Dresden sieht etwas anders aus, er bringt außer dem üblichen Biegen ein paar klare Ergebnisse. Erstens: Die CDU hat mit Dresden die letzte wirkliche Großstadt verloren. Ihr Kandidat, der sächsische Innenminister Markus Ulbig, erreichte 15,4 Prozent und kündigte seinen Rückzug aus dem Rennen an. Zweitens: Die von dem rechtspopulistischen Bündnis Pegida getragene Kandidatin Tatjana Festerling erreichte mit 9,6 Prozent ein deutlich besseres Ergebnis, als viele zuvor vermutet hatten. Folgt man dem wenig virtuosen Gedanken, die Stimmen für Festerling mit denen für den Kandidaten der AfD zu gruppieren, ergeben sich erneut jene knapp 15 Prozent, die in Sachsen schon bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr eine Partei rechts der CDU wählten.

Lutz Bachmann, der Pate Pegidas, versuchte sogleich, das gute Ergebnis in ein neues Ziel zu übersetzen, um die montägliche Laufkundschaft bei Laune zu halten. Man wolle nun mit einer Unterschriftensammlung beginnend "Rot-Rot-Grün aus dem Stadtrat jagen", sagte Bachmann auf einer Wahlparty von Pegida. Drittens: Die Bündnis-Kandidatin eben dieser im Stadtrat regierenden Parteien - Linke, Grüne, SPD, Piraten - erreichte zwar das beste Ergebnis von allen Bewerbern, gut genug war es womöglich trotzdem nicht. 36 Prozent stimmten für Eva-Maria Stange (SPD) und 31,7 Prozent für Dirk Hilbert, der bei Wahlkampfterminen nicht nur sein Telefon sondern auch seine FDP-Mitgliedschaft auf lautlos zu stellen pflegt. Hilbert vertritt bereits die aus gesundheitlichen Gründen zurückgetretene OB Helma Orosz (CDU). Und er hat nach herrschender Meinung der Materialwissenschaftler nun die besten Chancen, beim zweiten Wahlgang am 5. Juli eine Mehrheit zu erreichen. Während Stange das linke Potenzial bereits weitgehend abgerufen haben dürfte, sieht Hilbert beim Blick auf das Ergebnis Reserven. Einfache Rechnung: Von den etwa 30 Prozent, die nicht für Stange oder Hilbert stimmten, stimmte die eine Hälfte für Ulbig, die andere für Pegida oder die AfD. Die CDU und Ulbig dürften Hilbert bald auch offiziell unterstützen, Pegida tut es bereits, wie Festerling am Montagabend ankündigte - aber nicht, weil sie ihn gut finden würden, sondern nur weniger doof als die andere.

Viertens: Als Kollateralnutzen aus dem Aufkommen von Pegida ist die gestiegene Wahlbeteiligung zu sehen. Sie lag bei 51,1 Prozent und damit neun Prozentpunkte höher als zuvor. Das ist, natürlich, eine Zunahme auf bescheidenem Niveau, aber sie wirkt umso beachtlicher, schaut man auf die Werte der zehn sächsischen Kreise. Dort wurden am Sonntag neue Landräte gewählt, alle werden weiter von der CDU gestellt. Das überrascht in Sachsen kaum noch jemanden, die geringe Wahlbeteiligung hingegen schon, respektive wieder, respektive schon wieder. In Görlitz wählten 36,6 Prozent aller Berechtigten, in Nordsachsen 34,8, im Vogtland 34,6.

Der Vollständigkeit halber sei aus Dresden außer den Ergebnissen auch deren Deutung berichtet. Wie also haben alle gewonnen? Eva-Maria Stange freute sich über den ersten Platz, Dirk Hilbert freute sich über seine guten Aussichten darauf in ein paar Wochen. Pegida freute sich über den eigenen, kleinen Erfolg und am Ende schien sich selbst Markus Ulbig zu freuen. Er darf seinen Job als Innenminister wohl behalten.