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Kitas:Hat er auch aufgegessen?

Eine App informiert Eltern, was der Nachwuchs erlebt.

Von Isabel Pfaff

Ab und zu Mäuschen in der Kita spielen - wäre das nicht schön? Live dabei sein, wenn der Nikolaus kommt oder wenn das Kind im Morgenkreis ein Liedchen trällert? Die ersten Rollenspiele miterleben oder darüber staunen, wie anstandslos sich das Kind vom Erzieher die Zähne putzen lässt? Wer sein Kind auswärts betreuen lässt, dürfte diese Neugier kennen. In aller Regel akzeptieren Eltern von Kita-Kindern aber, dass sie nun mal ein paar bedeutende Augenblicke im Leben ihrer Kinder verpassen.

Wie wäre es nun, wenn man diesen Preis künftig nicht mehr zahlen müsste? Wenn man arbeiten gehen und gleichzeitig fast in Echtzeit erfahren könnte, was das Kind gerade erlebt? Das digitale Zeitalter verspricht, diesen Spagat möglich zu machen. Ein Unternehmen aus Zürich hat eine App entwickelt, die quasi einen digitalen Dauerkanal zwischen Betreuungseinrichtung und Eltern herstellt. Was hat das Kind am Vormittag gebastelt, welchen Käfer hat es beim Waldausflug entdeckt? Hat es auch den Brokkoli gegessen, und wie oft wurde gewickelt? Die Erzieher tragen diese Infos in die App "Nubana" ein, Eltern können sie dort im Tagesverlauf abrufen oder sich am Ende den gesamten Bericht schicken lassen. Auch Fotos kann die Kita hochladen. Es gibt eine virtuelle Pinnwand für Elterninfos und einen Nachrichtenkanal, um den Betreuern mitzuteilen, dass das Kind krank ist oder der Opa es ausnahmsweise abholt.

In den meisten Kitas findet ein ähnlicher Austausch schon heute, auch ohne App, statt: früh morgens am Telefon zum Beispiel, beim Abholen, wenn die Erzieherin ihre Papierliste zückt und vom Tag berichtet oder beim Blick auf die (echte) Pinnwand. Die Macher von Nubana wollen diesen Informationsfluss vereinfachen; außerdem, so das Versprechen, hätten Erzieher mehr Zeit für Fragen der Eltern, weil vieles schon im Voraus per App geklärt worden sei. Seit April 2019 können Kitas in der Schweiz Nubana abonnieren. Der Preis richtet sich nach der Zahl der betreuten Kinder.

Das Zürcher Start-up ist nicht die erste Firma, die den Alltag in Kindertagesstätten mit digitalen Hilfsmitteln erleichtern will. Managementsoftware für Kitas gibt es schon lange, und in Deutschland gibt es seit einigen Jahren die "Kita Info-App", eine Art virtueller Kalender und Pinnwand für Eltern. Die Schweizer App geht mit den digitalen Tagesberichten noch einen Schritt weiter.

In einem immer stärker digitalisierten Alltag klingen solche Programme zunächst einmal wie die logische Fortführung unserer sonstigen Gewohnheiten. Doch bei Erziehungsexperten stoßen die Kita-Apps nicht nur auf Begeisterung. Insbesondere der Überwachungsaspekt löst Skepsis aus. Der Soziologe Frank Furedi etwa warnt schon lange vor "paranoid parenting", einer regelrechten Kontrollkultur unter Eltern, die zunehmend um sich greife. Manche Experten befürchten auch, dass sich mit den neuen Möglichkeiten des Austauschs und der Dokumentation der Fokus der Betreuer vom Kind auf die Eltern verschieben könnte - zulasten der eigentlichen pädagogischen Arbeit. Vielleicht ein guter Grund, die elterliche Neugier im Zaum zu halten und das Kind ganz unbeobachtet seinen Brokkoli essen zu lassen.

© SZ vom 12.02.2020
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