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Kim Jong Un in Nordkorea:Ein Spiel, das der Diktator nicht gewinnen kann

Ein weiterer, wichtiger Aspekt ist die Wirtschaft. Seit seiner Machtübernahme Ende 2011 hat Kim Jong Un vor allem Geld versprochen und es auch mit beiden Händen ausgegeben. Er begann mit der Verheißung eines gesteigerten Lebensniveaus durch symbolische Handlungen und Slogans. Erste Belege waren renovierte oder neu eröffnete Vergnügungsparks einschließlich eines Delfinariums in Pjöngjang. Das gesamte Land erlebt derzeit einen Bauboom, wie es ihn seit 20 Jahren nicht gab. Das Lebensniveau wächst.

Aber wo kommt eigentlich das Geld dafür her? Woher kommt der Treibstoff für die Autos, wenn das Land keine eigenen Erdölvorkommen hat? Woher nimmt man den Strom für all die neuen Klimaanlagen und die Heizstrahler, wenn man doch das bekannte nächtliche Satellitenbild Koreas vor Augen hat, auf dem die nördliche Hälfte in fast völlige Dunkelheit gehüllt ist? Wie wird das zusätzliche Schuljahr finanziert, das Kim Jong Un im September 2012 den Millionen Jugendlichen seines Landes großzügig geschenkt hat? Und woher nimmt eigentlich die mehrere Millionen Menschen zählende neue Mittelschicht die Devisen für ihren steigenden Konsum, ihre Handys und Restaurantbesuche?

Unterhaltung und Wohnungsbau sind ebenso unproduktiv wie Verteidigungsausgaben, solange die Preise aus politischen Gründen weit unter den Kosten liegen. Explodierender Konsum in einem Entwicklungsland ist gefährlich, weil die Ressourcen ja besonders knapp sind und eigentlich für Investitionen gebraucht würden. Kim Jong Un scheint sich auf ein Spiel eingelassen zu haben, das er mit dem vorhandenen Wirtschaftssystem nicht gewinnen kann.

Berichte über Goldverkäufe

Der plötzlichen und massiven Steigerung der Staatsausgaben seit Anfang 2012 steht keine erkennbare Erhöhung bei den Einnahmen gegenüber. Üblicherweise würde so etwas zu mehr Staatsverschuldung führen, doch dieser Weg ist Nordkorea weitgehend verschlossen. Das Land unterhält keine Kontakte zu Kapitalmärkten. Die einzige logische Erklärung ist, dass Nordkorea von seinen Reserven zehrt. Berichte über Goldverkäufe seit September 2013 sind zwar nicht neu, in diesem Kontext aber alarmierend.

Die Geschichte kann hier als Lehrmeister dienen. Erich Honecker zum Beispiel betrieb von 1971 an die sogenannte Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik. Das hieß: dauerhaftes Ausgeben größerer Geldbeträge für Sozialpolitik, aber ohne zugleich stabile Einnahmequellen aufzubauen - und dies wiederum gepaart mit der Schaffung von immer schwerer erfüllbaren Erwartungen. Die DDR führte das in die Pleite. Über die Konsequenzen im Fall Nordkoreas möchte man überhaupt nicht nachdenken; hier würde ein Land mit Atomwaffen und einer einsatzbereiten Armee implodieren.

Vielleicht soll Onkel Jang einfach nur der Sündenbock für kommende Engpässe sein, die ohne Reformen nahezu zwangsläufig sind. Womöglich hat Kim Jong Un aber auch die Lage erkannt und steuert nach dieser Säuberung und der entsprechenden Stärkung seiner Person eine autoritäre Entwicklungsdiktatur an, nach dem Vorbild des Vaters der heutigen Präsidentin Südkoreas- endlich, möchte man sagen. Was dabei gelingt, könnte er als sein Verdienst ausweisen; Probleme hingegen könnten als Spätfolgen des destruktiven Treibens der Sektierer dargestellt werden. Die öffentliche Abrechnung mit Jang wäre dann das innenpolitische Pendant zur im Frühjahr erfolgten Demonstration der Stärke nach außen.

© SZ vom 18.12.2013/jasch

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