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Khadija Ismayilowa:Kollegin in Haft

Fast 400 Journalisten recherchierten, aber eine Kollegin war nicht dabei: Khadija Ismayilowa aus Aserbaidschan sitzt noch immer im Gefängnis.

Eine Reporterin fehlte, als im vergangenen Jahr fast 400 Journalistinnen und Journalisten in den Panama Papers recherchierten: die aserbaidschanische Kollegin Khadija Ismayilowa. Sie saß und sie sitzt noch immer im Gefängnis. Ismayilowa, die - wie auch vier SZ-Journalisten - Mitglied des Internationalen Konsortiums für Investigative Journalisten (ICJI) ist, war 2014 unter fragwürdigen Umständen festgenommen worden. Im September vergangenen Jahres wurde sie zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt, offiziell wegen Steuerhinterziehung und Unterschlagung. Ursprünglich war ihr auch vorgeworfen worden, sie habe einen Freund in den Selbstmord getrieben.

Menschenrechtsorganisationen haben Ismayilowas Verurteilung scharf verurteilt und erklärt, es handele sich offensichtlich um Vergeltung für ihre Recherchen über Alijews Familie und über Korruption in Aserbaidschan. "Dieser Schritt trägt die gleiche Handschrift wie andere Versuche, die freien Medien in Aserbaidschan mundtot zu machen - Khadija Ismayilowa ist eine der letzten unabhängigen Stimmen im Land", erklärte Amnesty International.

Ismayilowa, die von der Menschenrechtsanwältin Amal Clooney vertreten wird, arbeitete für Radio Free Europe und das Recherchenetzwerk Organized Crime and Corruption Reporting Project. Sie war bereits 2013 an dem ICIJ-Projekt Offshore-Leaks beteiligt. Damals enthüllte sie mit ihren Kollegen, dass Präsident Ilham Alijew und seine Frau Mehriban eine Offshore-Firma namens Rosamund International Ltd. gehörte. Außerdem brachte sie ans Licht, dass Alijews Töchter mehrere Briefkastenfirmen auf den Britischen Jungferninseln besessen haben. Wer in Aserbaidschan so etwas aufdeckt, lebt gefährlich. Reporter ohne Grenzen führt Aserbaidschan 2015 auf der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 162 von 180.

Ismayilowa ließ sich nicht abschrecken, obwohl sie immer wieder Drohungen erhielt. So hatte sie etwa einen Brief mit intimen Fotos zugeschickt bekommen, die offenbar heimlich in ihrem Schlafzimmer aufgenommen worden waren. Das Schreiben war verbunden mit der Aufforderung, ihre Recherchen zu stoppen. Ismayilowa machte weiter. 2013 wurde sie vorübergehend festgenommen, und als sie 2014 von einer Europareise heimkehrte, hielt der Zoll sie am Flughafen in Baku stundenlang fest. Die Beamten wollten den Inhalt ihres USB-Sticks einsehen - sie weigerte sich aber, weil es dafür keine rechtliche Grundlage gebe, und holte die Polizei. Später berichtete Ismayilowa, dass der USB-Stick leer gewesen sei. Es ging ihr um das Recht. Wenig später wurde sie festgenommen.

Die 39 Jahre alte Journalistin gehört zu einer Reihe bekannter Regierungskritiker, die im autokratisch regierten Aserbaidschan in den vergangenen zwei Jahren inhaftiert wurden. Am 17. März ließ Präsident Alijew überraschend etwa 150 Gefangene begnadigen, darunter nach Einschätzung des aserbaidschanischen Exil-Senders Meydan-TV auch mehr als ein Dutzend politischr Gefangene, unter anderem den Anwalt und Blogger Rasul Dschafarow.

Khadija Ismayilowa war nicht dabei.

© SZ vom 12.04.2016 / SZ

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