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Katholiken:Nah trotz Abstand

Coronavirus - Online-Gottesdienst in Sachsen-Anhalt

Manchmal belächelt, aber beliebt: Livestreams aus Kirchen, wie hier bei der Ostermesse in Magdeburg, werden bis heute vielfach aufgerufen.

(Foto: Ronny Hartmann/dpa)

Die Kirchen mussten in der Corona-Zeit leer bleiben, Beistand aber brauchten viele Menschen mehr denn je. Nun diskutieren die katholischen Bischöfe, wie sie Glauben in der Pandemie leben wollen: anders, vielleicht sogar intensiver.

Von Annette Zoch

Alexander Eckert hat viel Verzweiflung erlebt in den vergangenen Monaten, viel Angst, viele Sorgen. Ein junger Mann, gerade 33, lag nach einem Sturz im Koma. "Erst im Jahr davor hatte ich ihn getraut", erzählt der Pfarrer. Doch die Familie erlebte nicht nur eine persönliche Tragödie - es war auch die Zeit der Corona-Ausgangsbeschränkungen. Die eigene Ehefrau, die eigenen Eltern durften nicht mehr zu dem schwer verletzten jungen Mann. Pfarrer Eckert aus der unterfränkischen Gemeinde Esselbach war der einzige, dem Zutritt gewährt wurde, er war das Bindeglied zwischen den verzweifelten Angehörigen und dem Schwerverletzten. Auch isolierte alte Leute besuchte der Pfarrer daheim, als Kinder und Enkel aus Angst vor Ansteckung wegblieben. In Pflegeheimen hielt Eckert Kontakt zu den Bewohnern. Die Bedingungen erschütterten ihn: "Einmal durfte ich nur am Eingang mit einem Bewohner sprechen, er wurde im Rollstuhl an die Schiebetür geschoben, ich musste davor stehen bleiben", berichtet Eckert. "Jeder konnte unser Gespräch mithören. Dass ein Arzt seinem Dienst nachkommen muss, das würden wir nie in Zweifel ziehen. Ein Seelsorger ist ein Arzt für die Seele - auch wir müssen unsere Arbeit tun können."

In der Pandemie war der Pfarrer zum Teil der Einzige, der die Kranken besuchen durfte

Die Corona-Pandemie - sie war auch ein Ausnahmezustand für die Kirchen und ihr Personal. Wochenlang waren Gotteshäuser geschlossen. An Ostern, dem höchsten christlichen Fest, blieben die Kirchenbänke leer, die Orgeln stumm, die Osterkerzen aus - wo war das "Lumen Christi", Christus, das Licht - gerade in der Finsternis einer weltweiten Bedrohung? War das Licht Christi wirklich aus? Oder war es vielleicht nur woanders? Und was lässt sich aus dem Umgang mit der Pandemie lernen? Darüber diskutieren die deutschen katholischen Bischöfe derzeit bei ihrer Herbstvollversammlung in Fulda. Die Kritik an ihnen war laut und zahlreich, von innerhalb und außerhalb der Kirche: Man habe sich zu schnell den staatlichen Beschränkungen unterworfen, sich zurückgezogen, die Sterbenden in den Heimen und Krankenhäusern allein gelassen.

Zumindest den letzten Vorwurf möchte Andreas Müller-Cyran so pauschal nicht auf sich sitzen lassen. Der Diakon, Rettungsassistent und promovierte Psychologe gründete einst das erste Kriseninterventionsteam in Deutschland. Als Corona Deutschland im Frühjahr fest im Griff hatte, draußen Straßen und Plätze leergefegt waren und Demenzkranke in Pflegeheimen plötzlich die Welt nicht mehr verstanden, da studierte Müller-Cyran das Infektionsschutzgesetz. In Paragraf 30, Absatz 4 heißt es da: "Dem Seelsorger muss, anderen Personen kann der behandelnde Arzt den Zutritt unter Auferlegung der erforderlichen Verhaltensmaßregeln gestatten." Also stellte Müller-Cyran im Erzbistum München und Freising - auch gegen interne Widerstände - ein Covid-19-Seelsorgeteam zusammen. Das Erzbistum besorgte auf eigene Faust Schutzausrüstung, und Müller-Cyran und sein Team wiesen etwa 40 Freiwillige, Priester, Diakone, Pastoralreferenten, in stundenlangen Schulungen in das korrekte An- und Ablegen von Schutzkleidung ein. Um die 30 Einsätze auf Covid-19-Stationen in Krankenhäusern und Pflegeheimen haben sie seither absolviert. "Dieses Gefühl von Isoliertsein, das ist das Verheerende", sagt Müller-Cyran. "Gerade in dieser Zeit der Isolation ist jeder Kontakt zu einem anderen Menschen wertvoll." Meist ging es in den Gesprächen um Corona, um Sorgen und Ängste. Wenn Sakramente wie die Krankensalbung oder die Beichte gewünscht waren, schickte die Covid-19-Taskforce einen Priester. Besonders schwer waren laut Müller-Cyran Situationen, wenn Menschen ohne ihre Angehörigen sterben mussten. "Für manche war es wichtig, einen Gegenstand mitzugeben, den man desinfizieren kann. Vielleicht ein Kuscheltier oder etwas Ähnliches, und das wird dann raus- oder auch reingebracht. Das ist natürlich schlimm, aber wir müssen mit dem Schlimmen so gut es geht umgehen. Wir müssen dann andere Formen suchen, der Trauer Ausdruck zu geben."

Müller-Cyran kann die Kritik an der Kirche teilweise verstehen: Natürlich habe auch innerhalb der Kirche Verunsicherung geherrscht. Er sieht es aber auch noch unter einem anderen Blickwinkel: "In dem Vorwurf steckt ja auch ein Kompliment: Die Menschen erwarten noch etwas von der Kirche. Wir hätten euch gebraucht, und ihr wart nicht da. Aber durch unsere Arbeit belegen wir, dass wir uns an die Regeln halten und dennoch einen Weg zu den Menschen gefunden haben."

Und auch sonst ist die Kirche neue Wege gegangen, zum Beispiel digital: Zwar wurden die Livestreams aus leeren Kirchen oft belächelt - hohe Abrufzahlen bis zum heutigen Tag belegen aber, dass die Kirche damit offenbar ein vorhandenes Bedürfnis befriedigt. Nach einer jüngst in fünf Evangelischen Landeskirchen durchgeführten Studie wünschen sich 83 Prozent der Befragten regelmäßige Online-Gottesdienste, auch wenn Präsenzveranstaltungen wieder möglich sind. In München verfolgen an Sonntagen bis heute im Schnitt 13 000 Menschen die gestreamte Messe aus dem Liebfrauendom. Physisch passen in den Dom 20 000 Menschen - allerdings eng beieinanderstehend.

Der Tübinger Theologe Albert Biesinger hat die Zeit der Ausgangsbeschränkungen nicht als Trockenzeit des Glaubens erlebt, im Gegenteil: "In meiner Heimatgemeinde hat der Pfarrer zum Beispiel die Erstkommunionvorbereitung über Video weitergeführt. Es gab viele direkte Seelsorgegespräche, viele Telefonanrufe und Besuche bei alleinstehenden Menschen, Gottesdienste im Freien und in Autokinos." Dass die Kirche öffentlich nur noch über die Messe wahrgenommen werde und nicht mehr über die Diakonie, also den Dienst am Nächsten, sei ein hausgemachtes Problem, findet Biesinger: "Die katholische Kirche hat in den vergangenen Jahrzehnten den Fehler gemacht, sich zu sehr auf Sonntagsgottesdienste als Zentrum des Glaubenslebens zu konzentrieren. Familien als Orte der Gottesberührung wurden viel zu wenig gefördert, sodass der zu Hause gelebte Glaube vielfach ausgetrocknet ist." Dabei seien Familien die Basisgruppe der Kirche, sagt Biesinger. Statt Eltern zu helfen, ihre Kinder daheim im Glauben zu erziehen, gehe man häufig zu defizitär an das Thema heran und sage ihnen, was sie zu Hause alles nicht können. "Man berührt dabei eben auch kirchliche Machtfragen."

In Corona-Zeiten müsste die Frage also auch lauten: Welches Bild von sich selbst will die Kirche vertreten? "Die Liturgie hat erst dann ihren richtigen Ort, wenn auch die Diakonie funktioniert", findet Andreas Müller-Cyran. Für Weihnachten, das nächste große christliche Fest, wünscht er sich weniger technische Diskussionen über Abstandsregeln und Gottesdienste in Messehallen. "Wir sollten nicht überlegen, wie bekommen wir ein Surrogat hin? Sondern wie feiern wir Weihnachten in diesem Jahr anders, aber vielleicht auch intensiver?" Pfarrer Alexander Eckert wünscht sich für den Winter von den Bischöfen mehr Ermutigung an Priester im ganzen Land, mehr Absprachen mit Ärzten und Pflegepersonal, mehr Besuchsregelungen. Dass Alte und Sterbende allein gelassen werden müssen, dürfe nicht mehr passieren. Und als Seelsorger am Bett eines Kranken zu sitzen, ist dann mindestens genauso Gottesdienst wie die Messe am Sonntag.

© SZ vom 23.09.2020

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