Aachen:Karlspreis geht an Tichanowskaja

Lesezeit: 2 min

Aachen: Maria Kolesnikowa, Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo bei einem Wahlkampfauftritt 2020 in Minsk.

Maria Kolesnikowa, Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo bei einem Wahlkampfauftritt 2020 in Minsk.

(Foto: Sergei Grits/dpa)

Die belarussische Oppositionelle und zwei Mitstreiterinnen bekommen die Auszeichnung für ihren Einsatz für Freiheit und Demokratie. Eine der Geehrten wird den Preis nicht selbst annehmen können. Sie wurde zu Lagerhaft verurteilt.

Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja und zwei ihrer Mitstreiterinnen erhalten den Karlspreis 2022. Tichanowskaja sowie Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo würden für ihren Mut und ihren ermutigenden Einsatz für Freiheit und Demokratie ausgezeichnet, teilte das Direktorium des Internationalen Karlspreises zu Aachen mit. Der Vorsitzende Jürgen Linden sagte, alle drei hätten den Preis "mit großer Freunde" angenommen.

Tichanowskaja war bei der gefälschten Präsidentenwahl in Belarus im vergangenen Jahr als Oppositionskandidatin gegen den autoritären Machthaber Alexander Lukaschenko angetreten. Viele Belarussen sehen die 39-Jährige als wahre Siegerin der Wahl. Auch die EU erkennt Lukaschenko nach der Abstimmung nicht mehr als Präsidenten an.

Ursprünglich wollte Tichanowskajas Mann Sergej Tichanowskij kandidieren, er wurde aber einige Monate vor der Abstimmung festgenommen. Anfang dieser Woche verurteilte ein Gericht den 43 Jahre alten Blogger zu 18 Jahren Lagerhaft unter besonders harten Bedingungen. Die belarussische Justiz wirft ihm vor, "Massenaufstände" vorbereitet und organisiert zu haben.

Aachen: Sergej Tichanowskij muss für viele Jahre in ein belarussisches Straflager.

Sergej Tichanowskij muss für viele Jahre in ein belarussisches Straflager.

(Foto: Sergei Kholodilin/dpa)

Tichanowskaja hatte das Urteil gegen ihren Mann bereits zuvor als "rechtswidrig" bezeichnet. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock sprach von "skandalösen" Urteilen gegen Tichanowskij und andere Oppositionelle. Sie forderte die sofortige Freilassung aller politischen Gefangenen.

"Alles, was ich mache, mache ich für diesen Moment"

Der immer wieder als "letzter Diktator Europas" bezeichnete Lukaschenko steht im Westen auch deshalb in der Kritik, weil seine Sicherheitskräfte in den Monaten nach der Präsidentenwahl oft brutal gegen friedliche Demonstranten vorgingen. Zehntausende wurden festgenommen, Hunderte verletzt und mehrere Menschen getötet. Unter anderem deshalb verhängte die EU zahlreiche Sanktionen gegen die Ex-Sowjetrepublik, die nun noch abhängiger ist von der Rückendeckung Russlands als zuvor.

Tichanowskaja, die kurz nach der Präsidentenwahl nach Litauen floh und sich von dort weiter für die belarussische Demokratiebewegung einsetzt, betonte immer wieder, nicht aufgeben zu wollen. Auch nach dem Urteil gegen ihren Mann gab sie sich kämpferisch: Irgendwann komme der Tag, an dem sie ihren geliebten Mann wiedersehe, sagte sie in einer Videobotschaft - an der Wand hinter ihr hing ein Bild von Sergej Tichanowskij. "Und alles, was ich mache, mache ich für diesen Moment."

In der Haft besuchen können wird Tichanowskaja ihren Mann, mit dem sie zwei gemeinsame Kinder hat, in den kommenden Jahren wohl nicht: In ihrer Heimat ist sie nach ihrer Flucht zur Fahndung ausgeschrieben worden. Im Falle einer Rückkehr drohen auch ihr viele Jahre Straflager.

Eine der Preisträgerinnen ist in Haft

Der Karlspreis wird seit 1950 für besondere Verdienste um die europäische Einigung verliehen. Zuletzt war im Oktober 2020 der rumänische Präsident Klaus Iohannis für seine proeuropäische Haltung geehrt worden.

Die Ehrung für die belarussischen Oppositionellen soll am 26. Mai 2022 im Krönungssaal des Aachener Rathauses übergeben werden. Tichanowskaja und Zepkalo wollen den Preis selbst entgegennehmen. Für Kolesnikowa, die Anfang September in einem international kritisierten Prozess zu elf Jahren Straflager verurteilt wurde, wolle ihre Schwester kommen, sagte Linden.

Einen solchen Karlspreis habe es in der 71-jährigen Geschichte der Auszeichnung nicht gegeben, sagte Linden. Der Preis gehe an die drei führenden oppositionellen Aktivistinnen aus Belarus. "Was diese drei Frauen geleistet haben mit ihrer Energie, ihrer Kraft, ihrem Optimismus [...] ist für uns ein einmaliges Vorbild", sagte Linden. Das Kämpferische dieser Frauen sollte auch viele in Europa dazu animieren, sich mehr um Belarus zu kümmern und sich dafür einzusetzen, dass dort endlich demokratischere Strukturen entstünden.

Zur SZ-Startseite
Migrant crisis at the Belarusian-Polish border

SZ PlusBelarus und die Migranten
:"Unsere Gesellschaft ist nicht bereit, sie aufzunehmen"

Lukaschenko holte Tausende Flüchtlinge ins Land, doch viele Menschen in Belarus ängstigt die Anwesenheit der Fremden. Besonders tragisch: Viele Belarussen denken selbst an Flucht. Rächt sich nun Lukaschenkos Taktik?

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB