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Kanzlerin Merkel telefoniert mit CDU-Mitgliedern:Ganz Ohr

Irxleben calling: Kanzlerin Merkel stellt sich in einer Telefonkonferenz der CDU-Basis. Sie will es machen wie Obama, schaut dann wie Domian und hat auf fast alles eine Antwort. Sogar auf die Forderung, die FDP "nach Hause zu schicken". Ins Stottern kommt sie nur bei der unerwarteten Abtreibungsfrage.

Jannis Brühl, Berlin

Die Null ist Merkels Nummer. CDU-Mitglieder in der Warteschleife müssen sie auf ihrem Telefon drücken, um zur Kanzlerin durchgestellt zu werden, sagt der Moderator. Er sitzt neben Angela Merkel in einem farblosen Studio im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin. Von hier übertragt die CDU auf ihrer Website die Bilder zur Telefonkonferenz. Hinter den beiden sitzen junge Telefonisten mit Headsets auf den Ohren vor ihren Bildschirmen. Es ist das erste "Tele-Townhall-Meeting" der Parteichefin und Kanzlerin.

Interaktive Telefonkonferenz der CDU Bundeskanzlerin Merkel

Interaktive Telefonkonferenz: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellt sich in einer "Tele-Townhall" den Fragen von Parteimitgliedern.

(Foto: dapd)

Mit den ursprünglichen town hall meetings in den Siedlungen im Neuengland des 18. Jahrhunderts hat diese Veranstaltung wenig zu tun. Bei der Urform der amerikanischen Demokratie durften alle mitmachen. Merkel dürfen nur Parteimitglieder befragen. Die Telefonkonferenz ist das Vorspiel zu den Regionalkonferenzen, die in diesem Herbst einfache Parteimitglieder und Parteielite zusammenführen. Im vergangenen Jahr hatte der Druck der Basis auf diesen Veranstaltungen dazu geführt, das Thema Mindestlohn auf die Parteiagenda zu setzen. Diesmal streifen die Parteimitglieder ein gutes Dutzend Themen. Beobachtungen aus der Fragestunde.

[] Ganz Ohr: Merkel nickt, schaut in die Kamera und kneift die Augen zusammen, als hätte sie beim Telefontalker Domian gelernt. Sie weiß, wie man aussehen sollte, wenn man zuhört. Allerdings wird sie schnell ungeduldig. Zusatzfragen erlaubt sie, aber nach etwa drei Minuten beendet sie die Einzelgespräche.

Wenn ein Anrufer zu sehr ins Detail geht, macht sie ihm klar: "Ich glaube, wir müssen weitermachen." Einen Mann, der noch den Ärger aus seinem Kroatien-Urlaub im Bauch hat und sich für eine Autobahnmaut starkmacht, die nur Durchreisende aus dem Ausland zahlen sollten, würgt sie irgendwann ab: "Jaja, alles klar. Tschüss."

[] "Tele-Townhall-Meeting": Das soll bürgernah sein, ein bisschen cool, ein bisschen obamaesk. Doch dafür ist das Studio zu kühl und zu grau, Merkels Sprache zu, nun ja, merkelig: "Ich freue mich, dass wir diese neue Art der Kommunikation miteinander durchführen können." Das ist doch weit weg von "Yes we can".

[] Wer die Anrufer sind: Ortsverbandsmitglieder, lokale Frauen-Unions-Vorsitzende und Bürgermeister kleiner Gemeinden rufen an. Sie kommen aus ganz Deutschland, aus Frankfurt, aus Irxleben oder Sandersdorf-Brehna.

[] Themen, die bewegen: Rente, Euro-Krise und Bildungspolitik stehen im Vordergrund - auch wenn Merkel bei Problemen mit Letzterer die Verantwortung an die Länder weiterschiebt. Sie kennt sich mit praktisch allen Themen aus, und wenn nicht, verspricht sie: "Ich mache mich noch mal ganz genau sachkundig."

Ein Anrufer fragt die Kanzlerin, ob der Islam zu Deutschland gehört. Sie sagt: "Ich finde: ja." Deutschland habe sich verändert. Auch als ihr Parteifreund seine Angst wegen der jüngsten Eskalation in Nahost äußert, stellt Merkel sich klar vor die Muslime: Nur eine islamistische Minderheit sei wegen des Anti-Mohammed-Videos gewalttätig geworden.

[] Wer sich der Basis stellt, muss auch auf einiges gefasst sein: Das bekamen am Wochenende schon ranghohe Grüne zu spüren. In der Telefonkonferenz wird die Kanzlerin hier mit Meinungen konfrontiert, die in den Medien eher selten auftauchen. Ein älterer Anrufer greift ein drei Jahre altes Merkel-Zitat auf und will wissen, wie Deutschland "kerngesund" sein könne: Jedes Jahr würden 100.000 Kinder umgebracht. Ein Abtreibungsgegner.

Da kommt Merkel etwas aus dem Tritt und sucht nach Worten. Sie stammelt, man müsse "positiv bleiben" und: "Ich werde mich darum kümmern, dass wir kinderfreundlicher werden." Das Wort "Abtreibung" fällt in diesem Dialog nicht. Diese Szene lässt Zweifel daran aufkommen, dass die CDU die Anrufer konsequent durchleuchtet, bevor sie auf Sendung gehen dürfen. Ein gutes Zeichen.

[] Zum Lachen bringen die Kanzlerin vor allem Vorschläge der Anrufer zum Umgang mit den Koalitionspartnern. Einer sagt, "Wenn die FDP Sie zu doll ärgert, dann müssen Sie die mal nach Hause schicken!" Merkel ist amüsiert, aber hart in der Sache: "Nee, nee, wir schicken niemanden nach Hause. Wir arbeiten weiter gut zusammen." Ein anderer empfiehlt: "Lassen Sie sich nicht beirren, wenn der Seehofer dauernd mit Rücktritt droht, das nimmt sowieso keiner mehr ernst."

[] Apropos Seehofer: Als hätte der CSU-Chef sie bestellt, ruft eine zweifache Mutter an und fordert vehement das Betreuungsgeld. Merkel sagt: "Ich gehe davon aus, dass es kommt." Die Maßnahme, von Gegnern als reaktionäre "Herdprämie" verschrien, deutet sie mal eben zur liberalen Idee um: "Wir wollen ja, dass jeder seinen Lebensentwurf leben kann."

Als wäre das nicht genug für gequälte FDP-Seelen, lobt sie die neue Idee, dass Eltern das Betreuungsgeld auch direkt in eine Rentenversicherung fließen lassen und dafür noch eine Aufstockung bekommen können. Das haben CDU und CSU am Wochenende angeblich ohne Wissen der FDP ausgekartet.

[] Was die Anrufer über die Partei verraten: Auf einem Plakat hinter Merkel steht: "Politik ohne Bart". Das ist zwar in Merkels Fall anatomisch korrekt, täuscht aber nicht über das Problem hinweg, dass in dieser Telefonkonferenz deutlich wird: Die CDU ist überaltert. Kaum ein Anrufer klingt, als wäre er unter 50 Jahre alt. Das Thema Rente kommt am häufigsten zur Sprache: Altersarmut oder die Angleichung der Renten in Ost und West.

Einer Anruferin ist ihre Sorge um die Zukunft der Partei anzuhören. Sie fragt, wie denn 30- bis 50-Jährige motiviert werden könnten, sich in der CDU zu engagieren. Die Kanzlerin gibt einen seltsamen Rat: Statt mit Steuerpolitik könne die Partei Menschen mit Themen wie Älterwerden, Patientenverfügung oder Organspende einfangen. Sie hat noch viel Arbeit vor sich, damit sie beim nächsten Mal auch ein paar Jüngere anrufen.

© Süddeutsche.de/fran

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