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Kanada:Mehr Realismus wagen

Justin Trudeau hat vier weitere Jahre verdient - mit weniger Macht.

Sie haben eine gute Wahl getroffen: Die Kanadier haben so abgestimmt, dass Justin Trudeau Premier bleibt, aber seine Machtfülle eingeschränkt ist, und er sich künftig Verbündete außerhalb seiner Liberalen Partei im Parlament suchen muss. Das ist insofern gut, als Trudeau bisweilen so von sich berauscht war, dass er zu selbstgefällig auftrat. Zudem haben die Kanadier der rechtspopulistischen People's Party eine Abfuhr erteilt. Die Partei konnte nicht einen Sitz erobern.

Nachdem Trudeau 2015 die absolute Mehrheit errungen hatte, lasteten riesige Erwartungen auf ihm, er wurde als eine Art Heilsbringer verklärt. Fast zwangsläufig hat er diese Erwartungen nicht erfüllt. Er hat aber auch grobe Fehler gemacht, für die er wohl mit der Abwahl bestraft worden wäre, wenn sein Gegner von den Konservativen mehr Charisma und eine klarere politische Botschaft gehabt hätte.

Dennoch hat Trudeau eine zweite Amtszeit verdient. Einer unabhängigen Studie zufolge hat er 92 Prozent seiner Wahlversprechen ganz oder in Teilen erfüllt. Er hat mehr Frauen denn je ins Kabinett berufen, die Wirtschaft läuft, und obwohl der amerikanische Präsident Donald Trump heißt, ist das so wichtige Verhältnis zu den USA weitgehend intakt. Das ist eine gute Basis, um die nächsten vier Jahre anzugehen, diesmal mit realistischeren Erwartungen.