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Jugendschutz:Heikler Eingriff

Es bedarf strenger Regeln, wenn der Staat Eltern die Kinder nimmt.

Von Henrike Rossbach

Wenn Kinder aus ihrer Familie genommen werden, haben sie Dinge erlebt, die sie niemals hätten erleben dürfen. Missbrauch, Gewalt, Vernachlässigung, drogenabhängige Eltern, Mütter oder Väter mit schweren psychischen Erkrankungen: Für viele Kinder ist das Zuhause ein gefährlicher Ort, und es sind traurige, verstörende Geschichten, die sie mit sich herumtragen müssen; solche, in denen es viele Verlierer gibt.

Wenn der Staat in den Bereich der Familie eingreift, ist das nie trivial. Umso fester muss der Boden sein, von dem aus er agiert. Dass die Bundesfamilienministerin die Kinder- und Jugendhilfe reformieren will, ist deshalb richtig. Mehr Mitsprache und Beschwerdemöglichkeiten für die Kinder selbst, eine strengere Heimaufsicht, Hilfe aus einer Hand für Kinder mit Behinderung - dagegen dürften die wenigsten etwas haben.

Der heikle Punkt in dem großen Paket aber ist ein anderer: Gerichte sollen künftig auch die dauerhafte Unterbringung eines Kindes in einer Pflegefamilie anordnen können. Das Recht des Kindes auf Stabilität und Verwurzelung steht dabei dem Recht der leiblichen Eltern auf ein Leben mit ihrem Kind gegenüber. Sollte Giffey sich mit ihrem Vorstoß durchsetzen, wird es ohne strenge Beteiligungs- und Unterstützungsrechte für die betroffenen Eltern nicht gehen.

© SZ vom 12.10.2020

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