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Jüdisches Leben in Deutschland:Über Jahrhunderte gerettet

Die Sulzbacher Thorarolle von 1793 wurde Buchstabe für Buchstabe von Experten in Israel restauriert.

(Foto: Noam Moskowitz/Bundestag)

24 Meter lang, 65 Zentimeter hoch und 228 Jahre alt: Die Thorarolle, die bei der Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus im Mittelpunkt steht, hat eine wechselvolle Geschichte.

Von Viktoria Spinrad, Berlin

Wenn Shaul Nekrich an diesem Mittwoch die Gänsefeder in schwarze Tinte taucht und zur Vollendung ansetzt, ist volle Konzentration erforderlich. Stolze 228 Jahre alt ist die Thora, deren letzte Buchstaben Deutschlands einziger Thoraschreiber auf Althebräisch schreiben wird: "dem Volke Israels". Würde er einen Fehler machen, müsste eigentlich die ganze Thorarolle neu geschrieben werden. Viele Augen werden ihm zusehen, die Öffentlichkeit soll den einzigartigen symbolischen Akt bezeugen.

An dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus werden Vertreter aller Verfassungsorgane Pate stehen, wenn die Rolle im Andachtsraum des Bundestags vollendet wird. Unter ihnen Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und Frank-Walter Steinmeier. Was normalerweise als Festakt in einer Synagoge stattfindet, wird so zu einem politischen Akt. Dahinter steht das Versprechen des Staates, jüdisches Leben in Deutschland zu schützen. Ein Versprechen, das unter den Augen der ranghöchsten Vertreter des Judentums in Deutschland gegeben wird.

Dass es die Thorarolle überhaupt noch gibt, ist ein kleines Wunder. Sie hat das Zeitalter Napoleons, das Kaiserreich, zwei Weltkriege, den Holocaust und die deutsche Einheit überlebt, ist eine der ältesten Thorarollen Süddeutschlands. Der Rabbiner Elias Dray entdeckte sie vor fünf Jahren im oberpfälzischen Amberg, verstaubt, vergilbt und löchrig. An der Halterung entdeckte er eine seltene Inschrift mit der Jahreszahl ihrer Entstehung: 1793. "Als ich das sah, bekam ich Gänsehaut", sagt er.

Die Geschichte der aus 30 Tierhäuten gefertigten Thora beginnt zehn Kilometer nordöstlich von Amberg. Geschrieben wurde sie für die jüdische Gemeinde im benachbarten Sulzbach. Dank der Sulzbacher hebräischen Buchdruckerei lebten hier bis zu 350 Juden, die Synagoge galt als eine der schönsten Bayerns. Hier erlebte die Thora ihre erste von drei Rettungen: Als die Synagoge beim Stadtbrand im Jahr 1822 zerstört wurde, überstand die Thora dies unbeschadet.

Für ihre dritte Rettung muss die Rolle nach Israel

Zum zweiten Mal geriet die Rolle in Gefahr, als sich in den 1930er-Jahren die dezimierte jüdische Gemeinde in Sulzbach auflöste und die Thora ins benachbarte Amberg brachte. Kurz vor der Reichspogromnacht versteckte sie der letzte Religionslehrer zusammen mit weiteren Thorarollen im Heimatmuseum. Die Amberger Synagoge wurde verwüstet, die Thora überstand den Angriff unversehrt. Als nach Kriegsende wieder eine kleine jüdische Gemeinde entstand, erhielt sie die Thora auf Geheiß amerikanischer Besatzer zurück. 70 Jahre lag sie im Thoraschrein der Synagoge - bis Elias Dray sie 2015 dort entdeckte.

Die abgenutzte Rolle war nicht mehr koscher, unbrauchbar für den Gottesdienst. 50 000 Euro sollte eine Restauration kosten, zu viel für die Kultusgemeinde. Sollte man die Thora auf dem jüdischen Friedhof bestatten? Sie zurück nach Sulzbach geben? "Die Thora symbolisiert das Überleben unter schwierigsten Voraussetzungen. Mir war klar, dass sie weiterleben muss", sagt Rabbiner Dray.

Dank öffentlicher Fördermittel gelangte die Rolle in der großen Tasche eines Thoraschreibers nach Israel, wo mehrere Experten sie zwei Jahre lang restaurierten. Die Tinte bröckelte, jeder einzelne Buchstabe musste nachgezogen werden. "Eine neue Thora zu schreiben, wäre leichter gewesen", sagt Thoraschreiber Nekrich. Es ist ihre dritte Rettung.

Der diesjährige Gedenktag ist ein besonderer

Am Mittwoch jährt sich zum 76. Mal die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee. Der diesjährige Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus ist ein besonderer. Anknüpfend an ein Edikt Kaiser Konstantins aus dem Jahr 321, das als älteste erhaltene Quelle jüdischen Lebens nördlich der Alpen gilt, trägt er das Motto "321-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland".

Normalerweise würden Kanzlerin Merkel, Rabbiner Dray und Charlotte Knobloch, die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, ihre Hände auf die seine legen, wenn Nekrich am Mittwoch die letzten acht Buchstaben nachzeichnet. Wegen Corona geht das natürlich nicht. Stattdessen werden die Paten der Thora einzeln in den Raum kommen, sich mit dem gebotenen Abstand neben den Schreiber setzen und den Stab der Thorarolle halten, den Etz Chaim.

Im Anschluss soll das kostbare Schriftstück mit den fünf Büchern Mose wieder zurück nach Amberg reisen. Dort will man im Gottesdienst daraus vortragen, besonders an Feiertagen, wenn unterschiedliche Textstellen verlesen werden. "Da braucht man immer zwei Rollen", sagt Dray. Damit man nicht so viel hin- und herrollen muss.

© SZ/skle
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