Jüdischer Widerstand gegen die Nazis:Geschichten der Selbstbehauptung

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Hinrichtung Partisanen Sowjetunion Wehrmacht Foto: bundesarchiv

Partisanen oder Männer und Frauen, die als solche gehalten wurden, wurden von den Deutschen getötet. Dieses Foto eines gehenkten mutmaßlichen Partisanen und gaffenden Landsern entstand 1941/1942 in dem von Hitler-Deutschland besetzen sowjetischen Gebiet.

(Foto: Foto: Bundesarchiv)

Zur gleichen Zeit beschuldigte die jüdische Philosophin Hannah Arendt die von den Nazis zwangseingesetzten "Judenräte" der Kollaboration, und dahinter stand der Vorwurf, die Mentalität der jüdischen Opfer, welche dem Verhängnis nicht ins Auge hätten sehen wollen, habe den Mördern ihre Taten zumindest erleichtert.

Und in Israel hatten die Überlebenden zwar eine Heimat gefunden. Doch deren Rekruten wurden nicht in der Tradition einsamer und verzweifelter Ghettokämpfer vereidigt, sondern im Namen der siegreichen Unabhängigkeitssoldaten von 1948 und der heroischen jüdischen Krieger gegen das römische Imperium, die über Jahre die Wüstenfestung Massada verteidigten: "Massada darf nie wieder fallen."

Bis die Ergreifung Eichmanns 1960 einen scharfen Einschnitt markierte, stand, so der kritische Historiker Moshe Zimmermann, "der Holocaust sogar eher im Zeichen der Verdrängung, er schien in krassem Gegensatz zum israelischen Wesen bzw. Mythos zu stehen: Dort die Schafe, die zur Schlachtbank gingen, hier die Kriegshelden."

Was die Überlebenden bei all dem fühlten, war eines: Unverständnis für ihre Lage unter den Nazis, für die Grenzen des Widerstandes und das Ausmaß an Verzweiflung und Tapferkeit, das er erforderte.

Nach dem Verfahren gegen Eichmann hingegen, das den Holocaust vor aller Welt in allen furchtbaren Details ausbreitete, überhöhte eine Flut von Büchern, Konferenzen und Zeitzeugensymposien in Israel und den USA den Stellenwert des Widerstandes oft jenseits der historischen Realität - als biete seine Erforschung gleichsam etwas Trost angesichts der unvorstellbaren Ausmaße des jüdischen Leidens.

Die Flucht der Leichensammler von Ponary

Aber hatte Hilberg, statistisch gesehen, nicht sogar recht? Eine Kampfwoche an der Ostfront kostete die Deutschen wahrscheinlich höhere Verluste als alle Aktionen jüdischer Partisanen während des gesamten Krieges. Sechs Millionen Menschen wurden ermordet, nur eine kleine Minderheit leistete bewaffnete Gegenwehr.

Doch durch einen body count, wie das US-Militär sagt, durch das Zählen der feindlichen Verluste, lässt sich die Bedeutung der Überlebenskämpfe nicht ermessen, die Abba Kovner, die Bielski-Brüder und viele andere gegen die Mordmaschinerie der Besatzer ausfochten.

Es ist die Geschichte der Selbstbehauptung gegen den Terror und gegen alle Wahrscheinlichkeit; des Versuchs, Menschlichkeit zu bewahren in einer Zeit abgrundtiefer Unmenschlichkeit; des Willens, sich dem Bösen nicht zu beugen, so mächtig und überwältigend es auch sein mag. Für den Widerstand fand Rozka Korczak, Kämpferin bei den Partisanen von Wilna, ein einprägsames, bewegendes Bild: "Wir waren Flammen in der Asche".

Zum Beispiel die Leichensammler von Ponary in Litauen. Gezwungen von der SS, die dort Zehntausende Juden ermordet hatte und nun auf dem Rückzug die Spuren beseitigen wollte, mussten sie die Überreste der Toten ausgraben, aufstapeln und mit Benzin übergießen. Den eigenen Tod vor Augen, wagten sie mit Hilfe jüdischer Partisanen die Flucht durch einen Tunnel, den sie heimlich gegraben hatten.

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