Daniel Craig in "Defiance":Logistik des Überlebens

Rückzug in den Wald: Daniel Craig spielt einen Kämpfer gegen den Holocaust und bringt die Bielski-Brüder nach Hollywood.

Roland Huschke

Zuletzt lebten sie tief zurückgezogen in den unwirtlichen Wäldern Weißrusslands, jenseits der Sümpfe, die zu durchqueren selbst die Nazis mit ihren Spürhunden bei ihrer Jagd nach Juden nicht wagten. Trotz des brutalen Winters und des konstanten Mangels an Verpflegung hatten die zeitweise über 1400 Flüchtlinge hier den einzigen Flecken des Landes gefunden, an dem sie unbehelligt leben konnten. Mehr noch: Sie gründeten abseits der Zivilisation, die der Krieg noch übrig gelassen hatte, eine Parallelgesellschaft, in der Kinder geboren und Hochzeiten gefeiert wurden, in der sie notdürftig eine Synagoge und eine Bäckerei errichteten, eine Schule und ein Hospital. Drei Jahre lang überlebten die Menschen der Bielski Otriad in den Wäldern zwischen Wölfen und Wehrmacht - nahezu während der gesamten Besetzung des Landes durch die deutsche Armee vom 22. Juni 1941 bis zum Sommer 1944.

Daniel Craig in "Defiance": Parallelgesellschaft im Wald: Daniel Craig und Liev Schreiber kämpfen in "Defiance" gegen den Holocaust.

Parallelgesellschaft im Wald: Daniel Craig und Liev Schreiber kämpfen in "Defiance" gegen den Holocaust.

(Foto: Foto: ap)

Otriad - das ist der russische Begriff für eine Einheit von Partisanen. Und Bielski, so lautete der Name der drei Brüder Tuvia, Zus und Asael, die als Anführer der Gruppe fungierten - zuweilen im bewaffneten Widerstand, zumeist indes als Logistiker des Überlebens. Allein waren die Geschwister ursprünglich in den Wald geflüchtet, bevor sich ihnen immer mehr versprengte Seelen anschlossen. 200 waren es bereits im Oktober 1942, 600 im Sommer 1943. Kurz darauf schlich sich Tuvia Bielski, der Älteste, mit ein paar Leuten in das jüdische Ghetto der nahen Stadt Nowogródek, um in einer Nacht-und-Nebel-Aktion weiteren Hunderten zur Flucht in eine ungewisse Freiheit zu verhelfen. Als die Brüder den schützenden Wald nach dem Einrücken der roten Armee am Ende wieder verließen, folgte ihnen eine Prozession von über 1200 Menschen, die Zeitzeugen wie Gespenster erschienen.

In der litauischen Hauptstadt Vilnius inszeniert der amerikanische Filmemacher Edward Zwick im November 2007 die vergessene Historie unter dem Titel "Defiance". Keine hundert Kilometer von den Originalschauplätzen entfernt, für die aber wegen der Diktatur in Weißrussland an keine Drehgenehmigung zu denken war. Zwick genießt einen guten Ruf als Regisseur - er hat einen Bürgerkriegsfilm ("Glory") und "Blood Diamond" über die Hintergründe des Diamantenhandels inszeniert - und als Produzent, beispielsweise von "Traffic". Doch nie war für den Sohn jüdischer Einwanderer ein Stoff so persönlich. Mitglieder seiner Familie fielen in Polen den Nazis zum Opfer. Zwick lässt nach zehn Jahren Entwicklungszeit keinen Zweifel daran, dass er mit "Defiance" das Bild der kollektiven Opferrolle europäischer Juden im Zweiten Weltkrieg wenigstens um diese eine, vergessene Facette aktiven Heldentums ergänzen möchte.

"Es ist interessant zu fragen", so Zwick, "warum die Welt nie von den Bielskis hörte. Und ich denke, dass auch bei der Geschichtsschreibung Mythologien entstehen und Geschehnisse an Präsenz verlieren, die diesen Mythen widersprechen." Der Historiker Saul Friedländer stützte diese These vor einigen Jahren in einer New-York-Times-Reportage über die Bielskis, als er schrieb: "Der Aufstand im Warschauer Ghetto symbolisiert in den Augen der Öffentlichkeit die Gesamtheit jüdischen Widerstandes." Was Zwick von dieser Reduzierung hält, macht er durch einen Verweis auf Spielbergs "Schindlers Liste" deutlich, dessen zentrale Rettungsfigur eben trotz allem ein deutscher Nazi gewesen sei: "Die Bielskis haben mehr Leben gerettet als Oscar Schindler."

Heikle Gratwanderung

Bei seinen Recherchen für den Film, der auf einem nur von der Universitätspresse Connecticut verlegten Buch der Historikerin und Soziologin Nechama Tec basiert, stieß Zwick auf Spuren jüdischer Partisanen in ganz Osteuropa. Auch in Vilnius, wo das jüdische Ghetto einst in der heutigen Altstadt war. Bei zweistelligen Minusgraden dreht Zwick hier am Tage des Setbesuches eine Befreiungsszene und hat in einer Pause Tränen in den Augen, wenn er von den Geistern spricht, die zu spüren er sich an solch einem Ort nicht erwehren kann.

Es ist ein sonderbarer Widerspruch, solche Erinnerungen lebendig werden zu lassen und im nächsten Moment den Schauspieler Daniel Craig mit tief ins Gesicht gezogener Schirmmütze und im Stechschritt vor der Kamera zu sehen - er spielt die Hauptrolle, Tuvia Bielski. Sein grimmiger Blick evoziert unweigerlich den Eskapismus seiner James-Bond-Rollen. Er stiefelt vorbei an deutschen Warnschildern in Frakturschrift und Komparsen mit verblichenen Davidsternen. Voller Sorge in dieser Sequenz, entdeckt zu werden von den Lichtfingern der Scheinwerfer und den Besatzern mit ihren Schäferhunden. "Wir werden auch als Filmemacher nie vollständig begreifen, was damals geschah und in den Menschen vorging", sagt Zwick, "Aber es ist unser Job, die Vergangenheit auf Basis aller Quellen und mit dramaturgischer Freiheit in Ehren zu halten."

Besser einen Juden retten, als zwanzig Deutsche töten

Unabhängig finanziert und von allen Beteiligten durch ihr Mitwirken für einen Bruchteil der üblichen Gagen unterstützt, ist "Defiance" eine heikle Gratwanderung. Der fertige Film wird nicht mit Actionsequenzen und merklich konstruiertem Pathos geizen, doch Zwicks Hauptanliegen, "die Dialektik des Materials" zu illustrieren, bleibt bewahrt. Er bezieht sich damit auf die konstante Gewissensfrage der Bielskis, ob ihrer Sache besser durch den Kampf gegen die Nazis oder den Schutz der Anvertrauten gedient sei. "Es ist besser, einen Juden zu retten als zwanzig Deutsche zu töten", soll Nachfahren zufolge das Mantra Tuvia Bielskis gewesen sein. Als einfacher Mann wuchs er an seiner Aufgabe, fand nur widerstrebend zur Heldenrolle, während seine Brüder von Rachegelüsten an den Mördern ihrer Familien getrieben wurden und zu riskanten Vergeltungsmissionen aufbrachen. "Ich dachte, Juden kämpfen nicht", wundert sich im Film ein russischer Offizier - und Bielskis Antwort ist symbolisch für Zwicks Ziel, dem Gefühl ohnmächtigen Verlustes das Wissen um stolzen Widerstand entgegenzusetzen: "Diese Juden schon."

In den USA, wo Zwicks Produktion gemeinsam mit der Schlink-Verfilmung "Der Vorleser" und anderen kontrovers diskutierten Filmen über die Ära startete, stieß der Ansatz, den Blick bewusst abzuwenden von den Millionen Opfern, nicht nur auf Gegenliebe. "Diese Filme tendieren dazu, den Holocaust zu infantilisieren", befand ein Kommentator in der New York Times. Tuvia Bielski wird sich zur Verfilmung seiner Lebensgeschichte nicht mehr äußern können. Der Mann, der seine Familie nach Kriegsende in Amerika als Taxifahrer ernährte, starb 1987 mittellos in New York, ohne seine Geschichte je an eine breite Öffentlichkeit gebracht oder Profit daraus geschlagen zu haben. Ein Jahr nach seinem Tod wurde er exhumiert und in Israel mit militärischen Ehren als Staatsheld begraben.

"Defiance" läuft am 5. März in den deutschen Kinos an.

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