Jüdischer Widerstand gegen die Nazis:"Nicht wie Schafe zur Schlachtbank!"

Eine lange verdrängte und vergessene Geschichte bildet den historischen Hintergrund für die beachtliche Zuschauerresonanz des Films: Nicht die der Bielskis allein, sondern die des jüdischen Widerstands insgesamt.

Juden Minsk Weißrussland Foto: Bundesarchiv

Ihnen drohte die Ermordung: Jüdische Männer, Frauen und Kinder im weißrussischen Minsk nach der Einnahme der Stadt durch die deutsche Wehrmacht

(Foto: Foto: Bundesarchiv)

Zum Symbol dieses Widerstands wurde der Aufstand im Warschauer Ghetto 1943, vor dem Denkmal in Warschau fiel Bundeskanzler Willy Brandt 1970 auf die Knie, in einer historischen Geste der Versöhnung.

Heute weiß man aber, dass die Auflehnung der Juden gegen ihre Verfolger weit umfangreicher war: Hunderttausende kämpften in den alliierten Streitkräften und in den Untergrundbewegungen im besetzten Europa.

Pessimismus als Grund für ausbleibende Gegenwehr

Es gab Aufstände in Ghettos und Vernichtungslagern, und wie im Fall der drei Bielski-Brüder Tuvia, Zus und Asael, in Osteuropa Versuche, mit Gewalt so viele Juden wie möglich vor den Mördern zu retten.

In seinem berühmten Aufruf vom 1. Januar 1942 forderte der Dichter Abba Kovner: "Laßt uns nicht wie die Schafe zur Schlachtbank gehen!" Er wurde einer der Anführer der Partisanen von Wilna und überlebte den Krieg; noch bekannter als er aber wurde sein Zitat, das viele falsch interpretierten als Kritik an jenen Opfern, die sich nicht zur Wehr gesetzt hatten.

Gemeint war aber, dass Kovner die Mordpläne der Nazis klarsichtig erkannte, während viele Juden es einfach noch nicht glauben wollten. 1961 jedoch, im selben Jahr also, in dem Adolf Eichmann, der Organisator des Holocaust, in Jerusalem vor Gericht stand, veröffentlichte der US-Historiker Raul Hilberg ein Buch, das einmal zu einem Standardwerk werden sollte: "Die Vernichtung der europäischen Juden" - eine wissenschaftliche Gesamtbetrachtung des Holocaust, rekonstruiert aus den Akten der Täter.

Darin stellte er aber, gleichsam nebenbei, eine schmerzvolle, die Überlebenden wie deren Nachfahren gleichermaßen aufwühlende Frage: Warum wehrten sich die meisten Juden nicht? Seine Antwort zeugte von tiefem Pessimismus: "Das Reaktionsmuster der meisten Juden ist durch ein nahezu vollständiges Fehlen von Widerstand gekennzeichnet."

Die glückliche Ausnahme zur Regel verklärt

Hilberg hatte eigentlich davor warnen wollen, durch ein Heldenlied des Widerstandes das epochale Ausmaß der Katastrophe aus dem Blick zu verlieren.

Ähnliche Sorgen haben die Kritiker von "Defiance" heute - dass die glückliche Ausnahme gleichsam zur Regel erklärt, zur Holocaust-Story mit Happy End verklärt werde.

Hilberg freilich fügte noch kalt hinzu: "Gemessen an den deutschen Verlusten schrumpft der bewaffnete Widerstand der Juden zur Bedeutungslosigkeit. Die Deutschen fegten ihn als belangloses Hindernis zur Seite."

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