Journalisten bei der Europawahl:Geht es um Macht, Eitelkeit - oder Idealismus?

Doch nicht nur Demonstrieren kann frustrieren, sondern auch der politische Alltag in der EU. Rolf-Dieter Krause leitet seit mehr als zehn Jahren das ARD-Studio in Brüssel und hat immer mal wieder Journalisten beim Wechsel in die Politik beobachtet. "Ich glaube, dass sich viele Journalisten eine falsche Vorstellung davon machen, was in der Politik passiert", sagt er. "Ich fürchte, dass politische Entscheidungsprozesse manchmal viel weniger gut fundiert sind, als wir von außen denken." Ist es eigentlich die Medienkrise, die Journalisten in die Politik treibt? "Der Arbeitsmarkt für Journalisten ist natürlich wirklich nicht mehr so toll, aber die meisten gehen dann eher in die PR oder Lobby-Arbeit als in die Politik." Wenn es nicht allein um Geld geht, dann um Macht, Eitelkeit oder vielleicht doch um Idealismus?

Wolf Achim Wiegand, auf Platz zwei der EU-Kandidaten-Liste der Freien Wählern, hat den Wechsel vom Journalismus in die PR schon hinter sich. Nun zieht es ihn in die Politik. "Als Bürger, nicht als Journalist." Wie Zeise hat auch er journalistisch Karriere gemacht. Hauptstadt-Korrespondent für Sat 1, Nachrichtenchef Radio Hamburg, schließlich Fernsehchefredakteur bei der Filmproduktionsfirma Studio Hamburg. Seit 1996 arbeitet der 60-Jährige als Medientrainer für Unternehmen.

Kollektiver Wahn

Jetzt geht es ihm darum, "Entscheidungen zu beeinflussen, die Tragweite haben". 2010 setzte er sich mit der Bürgerinitiative "Wir wollen lernen" gegen die schwarz-grüne Schulpolitik in Hamburg ein. Nun will er Europapolitik machen: "Dort werden Gesetze gemacht, die uns alle betreffen." Dass sich dennoch wenig Menschen für EU-Themen interessieren, hat er schon als Journalist gelernt. "Damit sich das ändert, brauchen wir keine bessere PR für die EU, sondern müssen die Politik so ändern, dass sie für die Bürger transparenter wird." Politiker und Journalist sei für ihn im Kern das selbe. Erst werde ein komplexer Zusammenhang vereinfacht, dann werde die Idee verkauft. Mit Ideologie soll Politik für Wiegand nichts zu tun haben. "Ich entscheide pragmatisch von Projekt zu Projekt. Mal hat die Linke einen guten Vorschlag, mal die CDU." Für so eine Herangehensweise ist das EU-Parlament ein guter Ort. Brüssel-Profi Krause sagt: "Im Europäischen Parlament hat man als einzelner Abgeordneter relativ viel Einfluss."

Mit den etwa 0,6 Prozent Wählerstimmen, die für einen Parlamentseinzug nötig sind, rechnen Zeise und Genossen ohnehin nicht. Hier in Frankfurt werden sie gerade von der Polizei aufgefordert, weiterzugehen, die Tierfreunde sind dran. Im Weggehen lässt Zeise sich noch von den Christen Flyer geben. "Sehr interessant. Vielen Dank." Wenn es einen Politikerwettstreit in Sachen Höflichkeit gäbe, würde Zeise gewinnen. Um ihn zornig zu erleben, muss man ihn lesen. "Sind Politiker und Journalisten dem kollektiven Wahn verfallen?" schreibt er 2012 in der Financial Times, sie würden sich "wie Masochisten" dem Urteil der Ratingagenturen ausliefern. Er habe oft Leserbriefe von Bankern bekommen, sagt er. "Die wissen, dass das System krisenhaft ist und fühlen sich entlastet, wenn das jemand ehrlich aufschreibt."

Hier ist eh alles Satire

Zeise quetscht sich gerade an den Spargelstand-Massen vorbei, als das Skandieren losgeht: "DKP enteignen, DKP enteignen!" Gegenüber vom Spargel ist der Infostand der PARTEI, heute zwar ohne Spitzenkandidat Martin Sonneborn, aber auf jedes Ereignis gut vorbereitet. Gleich werden sie sich vor einen CDU-Stand stellen und "Merkel ist dick!" rufen. Vorher wird noch die DKP verhöhnt. Und Lucas Zeise wacht auf. "Juhu!" - linke Faust in die Luft! "DKP enteignen! Großartig!" Zeise ist PARTEI-Fan. Dass 2013 deutlich mehr Journalisten für das Europa-Parlament kandidieren als 2009, liegt übrigens auch daran, dass die PARTEI als Partei zugelassen wurde. Von 71 Kandidaten sind sieben Journalisten. Sonneborn selbst war Chefredakteur der Titanic und übertrug das Motto "Alles ist Satire" vom Blatt in die Partei. Immerhin sind die ehrlich, findet Zeise.

Während er von der PARTEI als "aufklärerisch" schwärmt, erzählt er, dass ihm seine eigenen Texte immer dann gefallen haben, wenn sie ironisch waren. Als er vorhin bei einer Zwischenkundgebung vor der Europäischen Zentralbank eine Rede hielt, begann er sie mit den Worten: "Liebe Genossen, schön, dass ihr so zahlreich erschienen seid." Zeise wartete, nichts passierte. Im Klassenkampf wird selten gelacht.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB