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Jamaika:Welle der Gewalt

In der Touristenregion Montego Bay an der Nordküste Jamaikas patrouilliert derzeit das Militär.

(Foto: mauritius)

Die jamaikanische Regierung ruft den Sicherheits­notstand aus - wegen einer Lotterie-Mafia, die Expats abzockt.

Eigentlich kann keiner der Betrogenen sagen, er sei nicht gewarnt worden. Jamaikas Dancehall-Superstar Vybz Kartel rappte schon vor einem halben Jahrzehnt in seinem karibischen Ghetto-Slang: "Dem call it scam, mi call it reparation" - sie nennen es Betrug, ich nenne es Wiedergutmachung. In dem Lied lobt und preist Kartel eine in Jamaika operierende Lotterie-Mafia, die sich darauf spezialisiert hat, ältere und gutgläubige Expats aus den USA und Großbritannien abzuzocken. Man erfährt im Text, dass dieses sogenannte Scamming vor allem über manipulierte Geldtransfers mit Dienstleistern wie Western Union funktioniert und warum es nach Jahrhunderten der kolonialen Unterdrückung allemal gerechtfertigt sei, wenn sich die Unterdrückten ein paar "US-Dolla" zurückergaunerten.

Es geht hier aber nicht nur um die Relativierung einer kleinen Gemeinheit. Vybz Kartel, 39, der auch als "Worl' Boss" oder "Di Teacha" bekannt ist, wurde 2014 wegen Doppelmordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Dancefloors und Charts in Jamaika dominiert er auch noch als Gefängnisinsasse. Sein Reparation-Song ist so etwas wie der Soundtrack der Saison. Die Monate Januar und Februar gelten traditionell als Hauptsaison des Jamaika-Tourismus. Aber in diesem Jahr ist davon kaum etwas zu spüren. Premier Andrew Holness hat bis Mai einen Sicherheitsnotstand für den westlichen Teil der Karibikinsel verhängt. In Montego Bay, dem wichtigsten Hafen für Kreuzfahrschiffe, wird Touristen geraten, "in ihren Ressorts zu bleiben". Restaurants und Geschäfte bleiben auf Anordnung der Behörden geschlossen. Wo sonst Kreuzfahrer durch die Straßen schlendern, patrouilliert jetzt Militär.

Laut der Regierung in Kingston dient das Notstandsdekret vor allem dazu, den Ring der Lotteriebetrüger zu bekämpfen, der für den Ausbruch der jüngsten Gewaltwelle verantwortlich gemacht wird. Jamaika gehört seit Jahren zu den zehn Staaten mit der weltweit höchsten Mordrate. 2017 wurden mehr als 1600 Tötungsdelikte registriert, dabei leben auf der Insel nur knapp drei Millionen Menschen. Sie hat grundsätzlich das Pech, auf der Drogen- und Waffenhandelsroute zu liegen, die von Südamerika über Haiti in die USA führt.

Die meist ausländischen Opfer erhalten einen Anruf. Ihnen wird ein großer Lottogewinn verkündet

In den ersten drei Wochen des Jahres 2018 ist die ohnehin schon absurd hohe Zahl der Gewaltverbrechen aber noch einmal signifikant angestiegen. Das erklärt auch der jamaikanische Gewaltforscher Damion Blake von der Elon University in North Carolina mit den Machenschaften der Lotterie-Mafia. Nach seiner Darstellung funktioniert deren Betrugsschema so: Die meist ausländischen Opfer erhalten einen Anruf, in dem ihnen ein großer Lottogewinn verkündet wird. Um den Preis zu erhalten, sei lediglich eine kleine Bearbeitungsgebühr fällig, zahlbar über Western Union oder MoneyGram. Wer da einmal anbeißt, und das tun offenbar vor allem wohlhabende US-amerikanische Rentnerinnen und Rentner erstaunlich oft, muss immer mehr zahlen. Laut Blake sind 750 bis 2500 Dollar pro Woche nicht unüblich. Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, würden die Anrufer mithilfe von Google Earth oft die Häuser der Opfer beschreiben und behaupten, direkt vor der Tür zu stehen. An deren Adressen und Telefonnummern gelangen die Verbrecher offenbar über Hotels, Callcenter, Airlines, Geldtransfer-Unternehmen und Lieferservice-Firmen. Es handle sich um ein Multi-Millionen-Dollargeschäft, so Blake, das Bandenkriege, Korruption und Waffenschmuggel auf der Insel anheize. Gemordet wird nicht für Kokain-Lieferungen, sondern für die lukrativen Adresslisten.

Das Problem ist so gravierend, dass US-Außenminister Rex Tillerson auf seiner Lateinamerika-Reise in Jamaika Station machte, um Premier Holness dazu aufzufordern, Lotterie-Betrüger an die USA auszuliefern. Die gleiche Forderung erhebt Washington bei kolumbianischen und mexikanischen Drogenbossen. Und wenn man die Parallele ein bisschen weiterspinnt, dann muss man wohl prophezeien, dass auch dieses Millionengeschäft weder mit Militäreinsätzen noch mit Auslieferungen kaputt zu kriegen ist.

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