40 Jahre nach Beschluss des Radikalenerlasses Dann kam der Bruch mit der DKP

Lipps ist nicht mit einer Kalaschnikow durch den Kurort gelaufen, aber vor einem Linken wie ihm hatten sie Angst. Ein DKP-Mann am Pult? Das ging vielen Politikern, Kollegen und Eltern zu weit, und das ließen sie ihn täglich spüren. "Es war ein Kulturkämpfle", sagt Lipps. Es wäre regelrecht amüsant gewesen, hätte er nicht Angst um sich und um seine Familie haben müssen.

Klaus Lipps glaubt, er sei ein ziemlich "braver, harmoniesüchtiger Mensch". Die Kommunisten, das seien für ihn "anständige Leut'" gewesen. Zu ihnen wollte er gehören. Sie wollte er nicht verraten. Und nun durfte ihn "jeder Depp einen Verfassungsfeind nennen". Mit der DKP begann er in der folgenden Zeit dennoch zu hadern; es gab interne Querelen, und es passte Klaus Lipps nicht, wie seine Genossen die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verharmlosten.

Ausgetreten ist Klaus Lipps Ende der achtziger Jahre. Da hatte er seinen Kampf gegen das Berufsverbot gerade erfolgreich beendet und war zum Studienrat ernannt worden. Er wollte den Eindruck vermeiden, er breche nur deshalb mit der DKP, um sich der Staatsmacht und ihrer jahrzehntelangen Einschüchterung zu beugen.

Manche Betroffene des Radikalenerlasses sind an ihrem Schicksal zerbrochen, sie haben erst ihren Beruf und dann ihr Vertrauen in sich selbst und in ihre Umwelt verloren. Viele sind vor Gericht abgeblitzt. "Ich habe wirklich Glück gehabt", sagt Lipps immer wieder.

Ganz ohne Rebellion kann er nicht leben

Er ist nun 70 Jahre alt, mit seiner Frau wohnt er noch immer in Baden-Baden, in einer selbstverwalteten, alternativ angehauchten Wohnanlage. Vor der roten Haustür flattert eine verwitterte Regenbogenfahne der Friedensbewegung. Jeden Montag fahren Lipps und seine Frau nach Stuttgart, um gegen den Tiefbahnhof zu demonstrieren. Ganz ohne Aktion und Rebellion kann er wohl nicht leben.

Auch an diesem Samstag wird er protestieren und dafür nach Frankfurt kommen. Mit anderen Berufsverbots-Veteranen will sich Klaus Lipps einreihen in eine Demonstration gegen Neonazis und gegen den Verfassungsschutz. Ist er denn auch dagegen, dass der Verfassungsschutz Rechtsextreme beobachtet und verhindert, dass sie als Lehrer an die Schulen gehen?

Klaus Lipps lehnt sich zurück in seinem Stuhl und sagt: "Ich würde mich für die Nazis natürlich nicht ins Schwert stürzen." Ein Radikalenerlass für Rechte sei dennoch kein guter Weg. Einem Lehrer, der Straftaten begeht oder rechtsextreme Hetze verbreitet, könne und müsse man mit dem normalen Dienstrecht beikommen.

Für Klaus Lipps war es bitter, dass damals, als ihn das Land Baden-Württemberg aus der Schule werfen wollte, ausgerechnet Hans Filbinger Ministerpräsident war. Von einem Mann mit NS-Vergangenheit wollte sich Klaus Lipps erst recht nicht zum Verfassungsfeind erklären lassen. Hans Filbinger musste 1978 zurücktreten. Klaus Lipps blieb Lehrer. Als er pensioniert wurde, bekam er eine Standardurkunde: Dank für 40 Jahre "treue Dienste".