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Italien:Parallelwelt am Rande der Pracht

Protest against Roma in Rome, Italy - 03 Apr 2019

Italienische Rechte protestieren mit Landesflaggen gegen die Unterbringung von 77 Roma und Sinti in einer ehemaligen Klinik.

(Foto: Massimo Percossi/EPA-EFE/REX/Shutterstock)

In einem Stadtteil Roms fühlen sich viele Bürger vergessen. Ihr Hass entlädt sich gegen Sinti und Roma.

Von Oliver Meiler, Rom

Rom - In Torre Maura, einem Außenbezirk Roms, Stadtteil IV., 90 000 Einwohner, sind die Menschen es nicht gewöhnt, dass das Fernsehen vorbeischaut. Viele dort draußen an der Ringstraße haben eher das Gefühl, sie würden chronisch von allen vergessen. Früher fuhr eine Straßenbahn raus, doch das ist lange her. Der Bus ins Zentrum wird eingestellt, sobald die Metrolinie C fertig ist, doch die nächste Haltestelle der neuen U-Bahn ist für die meisten einen Kilometer entfernt.

Torre Maura ist, was die Römer eine borgata nennen, eine schwierige Vorstadt mit heruntergekommenen Sozialbauten und hoher Arbeitslosigkeit, eine Parallelwelt, nicht weit weg von der Pracht der alten Stadt, der Piazza Navona, der Fontana di Trevi, dem Kolosseum. Pier Paolo Pasolini beschrieb die schlimmen Zustände in den borgate schon vor fünfzig Jahren, besser sind sie nicht geworden. Nun aber war das nationale Fernsehen da, die ganze Woche. Und die Bilder, die Italien aus Torre Maura zu sehen bekam, waren verstörend. Eine Explosion von Wut und Hass, wie man sie lange nicht erlebt hat.

Die römische Stadtverwaltung hatte beschlossen, zwei Dutzend Familien von Roma und Sinti, die zuvor auf einem Campingplatz gelebt hatten, in einer alten Klinik unterzubringen, ihre Wohnsituation zu stabilisieren, ihnen bei der Integration zu helfen. In dem schmucklosen Palazzo mit abblätternder Fassade, die mal mit gelben und hellblauen Pastellfarben gestrichen wurde, hatten seit 2013 Zuwanderer aus Afrika gewohnt. Es gab selten Probleme, weil die jungen Männer aus Afrika mit der Jugend des Viertels Fußball spielten. Die Roma aber wurden empfangen, als wären sie Verbrecher. 77 waren es insgesamt, unter ihnen 33 Kinder.

Einige Bewohner von Torre Maura ärgerten sich so sehr darüber, dass man den Familien eine Unterkunft in ihrer Mitte gab, wo sie doch selber nahe am Existenzminimum lebten, dass sie einschlägige Fürsprecher zu Hilfe riefen - Parteien, von denen sie wussten, dass sie sich nicht hinter Parolen verstecken würden. Die neofaschistischen Formationen Casa Pound und Forza Nuova schickten ihre Leute, um Torre Maura vor 77 Roma und Sinti zu verteidigen. Sie steckten Abfallcontainer in Brand, das Auto der Sozialbehörde, einer zündete Böller, bald war Guerilla.

Aufgebrachte Erwachsene zertrampeln Brötchen, die für Kinder gedacht waren

Casa Pound übertrug den "Aufstand von Torre Maura", wie er jetzt heißt, live auf Facebook. Man sah zum Beispiel, wie besonders aufgebrachte Erwachsene die Brötchen, die für die Kinder in der Klinik gedacht waren, auf den Gehsteig warfen und zertrampelten. Dazu die schrille Stimme einer Frau: "An Hunger sollt ihr verrecken", brüllt sie. Man hört auch "Scheißzigeuner", "Affen", "Räuber", "Bastarde, haut ab". 300 Menschen formten den Mob.

Als Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi davon hörte, sagte sie: "Vor dem Rassenhass werden wir nicht weichen." Für die Politikerin der Cinque Stelle, die bei ihrem Wahlsieg vor bald drei Jahren in Torre Maura fast 80 Prozent der Stimmen erreicht hatte, war das ein erstaunlich entschlossener Auftritt. Die Haltung hielt jedoch nur einige Stunden, eine Krisensitzung lang. Dann entschied die Bürgermeisterin, die 77 Roma nach einer Nacht wieder auszuquartieren. Wohin genau, wusste man zunächst nicht. Die Sorge, dass die Lage im IV. Stadtbezirk eskalieren könnte, war offenbar größer als alle Prinzipien.

Als die ersten Menschen weggebracht wurden, standen hundert Anwohner und Mitglieder der rechtsextremen Parteien triumphierend Spalier. Manche stimmten die Nationalhymne an. Eine Gruppe von Männern reckte dazu den rechten Arm in die Höhe zum faschistischen Gruß. Auch davon gibt es Bilder. Die römische Staatsanwaltschaft ermittelt. Verhandelt wird die Frage, ob die Aufständischen von Torre Maura die Roma und Sinti schwer bedroht haben und ob diese Bedrohung von Rassenhass getrieben war. Beweismaterial gäbe es eigentlich genug, für beides. Niemand versteckte seine Gesinnung.

In den Talkshows wird nun darüber diskutiert, ob der Hass in der Peripherie mildernde Umstände verdient, weil die Menschen da draußen seit Jahrzehnten vernachlässigt und vergessen würden, von Staat und Politik. Oder ob nicht viel eher gar nichts rechtfertigt, was in Torre Maura geschah. La Repubblica sieht in den zertrampelten Brötchen "eine inakzeptable Geste, sogar ein Sakrileg". Selbst Matteo Salvini, Italiens fremdenfeindlicher Innenminister, sagte danach: "Brot ist heilig."

Doch Salvini beließ es nicht dabei. Es sei nicht richtig, dass über Orten wie Torre Maura alle Probleme abgeladen würden. Er brauchte das Verb scaricare, entsorgen. Wie beim Müll. Da bei Salvini nichts zufällig ist, keine Unsäglichkeit und keine Unerhörtheit, wirkte dieser Satz wie ein Plädoyer für die rassistischen Brüller.

Eine ermutigende Szene gab es dann doch noch in Torre Maura, ebenfalls live mitgeschnitten. Man sieht Simone, 15, einen Jungen aus Torre Maura, der sich den Leuten von Casa Pound entgegenstellt. Simone sagt ihnen, sie seien doch nur da, um die Gemüter der Menschen gegen eine Minderheit aufzuhetzen, aus politischem Kalkül. Die Neofaschisten sind zuerst sprachlos. Dann tätschelt einer Simone die Wange, als wäre er der dumme Junge.

© SZ vom 06.04.2019
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