Italien Geständnis hinter Gittern

Nach seiner Festnahme landete Battisti vergangenen Januar in Rom.

(Foto: Albert Pizzoli/AFP)

Linksterrorist Cesare Battisti bekennt sich zu vier Morden. Er war 40 Jahre lang auf der Flucht, bevor er im vergangenen Januar ausgeliefert wurde.

Von Oliver Meiler, Rom

In einem Gefängnis bei Oristano auf Sardinien hat sich ein dramatisches Stück italienischer Geschichte geklärt. Mit einem späten, überraschenden Geständnis eines berühmten Häftlings. Der Linksterrorist Cesare Battisti, der seit einigen Monaten dort einsitzt, hat bei einem achtstündigen Verhör erstmals zugegeben, dass er damals, in den Siebzigerjahren, vier Menschen umgebracht hat, den Gefängniswärter Antonio Santoro, den Juwelier Lino Sabbadin, den Metzger Pierluigi Torregiani und den Polizeibeamten Andrea Campagna. Drei weitere Menschen habe er mit Schüssen verletzt. Und ja, er habe auch all die Raubüberfälle begangen, die ihm die italienische Justiz anlaste.

Die Mailänder Staatsanwälte, die Battisti verhört haben, erzählten den Medien, der Häftling habe sein Bedauern ausgedrückt für das Leid, das er verursacht habe: "Ich möchte mich entschuldigen dafür", soll er gesagt haben. Doch Reue habe Battisti keine gezeigt. Damals sei "Krieg" gewesen, und er habe die Causa seiner Gruppe für gerecht gehalten. Battisti habe auch keine Namen von Komplizen genannt, keine neuen Erkenntnisse geliefert, er arbeite also nicht mit der Justiz. Und so fragen sich die Italiener: warum jetzt?

37 Jahre lang war der 64-Jährige auf der Flucht gewesen und hatte immer alles geleugnet. Als Opfer einer politischen, angeblich rachsüchtigen und manipulativen Justiz hatte er sich dargestellt und dafür im Ausland Schutz genossen: von Präsidenten, Philosophen, Schriftstellern. Alle konnte er täuschen. Am längsten lebte er in Frankreich, wo er von der sogenannten Doctrine Mitterrand profitierte. Frankreichs früherer Präsident François Mitterrand bot Aussteigern der italienischen Terrorszene Asyl an, so sie dem bewaffneten Kampf absagten und kein Blut an den Händen hatten. Das waren die Bedingungen.

Battisti schaffte es, sich als Krimiautor einen Namen zu machen. Für die Geschichten bediente er sich auch in seiner eigenen Biografie. Als sich die Stimmung in Frankreich veränderte und Battisti 2004 die Auslieferung drohte, engagierten sich Intellektuelle in stattlicher Zahl für den Römer, mit Petitionen und Appellen. Battisti floh weiter nach Brasilien, kam dort ins Gefängnis, wurde aber vom damaligen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva begnadigt. Battisti wurde so zur Symbolfigur der "bleiernen Jahre" des Terrorismus, obschon seine Gruppe, die "Bewaffneten Proletarier für den Kommunismus", viel kleiner waren als die Brigate Rosse und er mehr Krimineller als ideologisch geblendeter Revolutionär war. Seine Geschichte stand für eine verschrobene Romantisierung des linken Terrorismus, wie sie lange fortlebte, vor allem außerhalb Italiens.

Als Battisti im vergangenen Januar in Bolivien verhaftet und nach Rom gebracht wurde, feierte die italienische Politik das Ereignis wie eine Erlösung - über die Parteigrenzen hinweg. Es wurde der Ruf laut, dass es Zeit sei, auch alle anderen Flüchtigen, einige Dutzend, zur Rechenschaft zu ziehen. Die meisten leben in Frankreich.

Die Opferangehörigen vermuten nun, Battisti wolle mit seinem Geständnis eine Haftreduktion erwirken. Doch die Aussicht darauf ist gering. Allzu lange hat er die Justiz vorgeführt, und ohne Zusammenarbeit gibt es keinen Strafrabatt. Die Familien der ermordeten Männer sagen, die Entschuldigung komme zu spät, vergeben möchte man nicht. Und was ist mit Battistis vielen Fürsprechern? Ihre unkritische Militanz kam vielen Italienern wie eine Kränkung vor. Die Zeitung Corriere della Sera fragt: "Schämt ihr euch jetzt wenigstens ein bisschen?"