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Israel:Unerreichbares Uman

About 30,000 Hasid Palmers Celebrate Jewish New Year Rosh HaShanah In Uman PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: N

Beim Treffen der Orthodoxen in der Ukraine ging es meist recht eng zu.

(Foto: Ukrainian News/imago)

Israels Kabinett streitet über den coronabedingten Ausfall einer Pilgerfahrt orthodoxer Juden in die Ukraine. Was der Pandemie-Beauftragte der Regierung für "eine Verrücktheit" hält, sehen religiöse Mitglieder des Kabinetts als gottgefällig.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Auch Pilgern ist in Zeiten der Pandemie ein heikles Unterfangen. Mekka hat es schon getroffen, der muslimische Hadsch musste in diesem Jahr unter strengsten Auflagen und in aller Stille begangen werden. Nun hat das Coronavirus seinen Schatten auch auf das jährliche Massentreffen chassidischer Juden im ukrainische Städtchen Uman geworfen. Seit Wochen schon wird in Israel hitzig darüber debattiert, ob den Anhänger des dort begrabenen Rabbi Nachman die Reise erlaubt werden soll. Der Streit darüber ging hoch hinauf in die Regierung, in der auch zwei religiöse Parteien sitzen. Doch nun hat der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij im fernen Kiew ein Machtwort gesprochen: Bis zum 28. September wurde ein Einreiseverbot für Ausländer verhängt - und damit auch dem ultra-orthodoxen Pilgeransturm ein Riegel vorgeschoben.

Die Pilgerfahrt nach Uman findet jedes Jahr zu Rosch Haschana statt, dem jüdischen Neujahrsfest, das in diesem Jahr am Abend des 18. September beginnt. In den vergangenen Jahren haben sich stets um die 30 000 fromme Männer, die meisten davon aus Israel, dort versammelt und zu Ehren des 1810 verstorbenen Rabbi Nachman ein riesiges Happening veranstaltet. Von seinen Anhängern wird der Rabbi bis heute als Zaddik, als Vorbild an Rechtschaffenheit, verehrt und gefeiert. Seiner chassidischen Bewegung ist ein starker Hang zur Mystik und zur Lebensfreude zu eigen.

Man sieht die Nachman-Jünger auch im säkularen Tel Aviv, wo sie aus Lieferwagen mit gewaltigen Boxen die Straßen beschallen und tanzen. Solche Ekstase wird auch bei der Pilgerfahrt in Uman praktiziert. Es geht laut und fröhlich und sehr eng zu. Alljährlich lassen die Nachman-Anhänger dabei viel Geld in der ukrainischen Provinz. In diesem Jahr aber herrscht die Angst vor, dass in Corona-Zeiten die Veranstaltung die Infektionszahlen in der Ukraine und später in Israel ansteigen lassen würde.

Entschieden gewarnt hat davor stets der Corona-Beauftragte der israelischen Regierung Ronni Gamzu. Von einer "Verrücktheit" hat er gesprochen mit Blick auf die Veranstaltung und angekündigt, "alles zu tun, um das zu verhindern". Israel wäre überfordert, 15 000 bis 20 000 zurückkehrende Nachman-Anhänger in Quarantäne zu schicken, erklärte er. "Es wird keine Flüge nach Uman geben. Punkt." Schließlich schrieb er auch noch einen Brief an den ukrainischen Präsidenten. Darin informierte er Selenskij über die hohen Corona-Fallzahlen in Israel und "besonders in den ultra-orthodoxen Gemeinden" und warnte vor "ernsten Kurz- und Langzeitfolgen".

Damit lag der Ball im ukrainischen Feld. Selenskij beriet sich mit einheimischen jüdischen Organisationen. Dann kündigte zunächst nur eine nicht näher erläuterte "erhebliche Einschränkung" der Pilgerfahrt nach Uman an und fügte hinzu, dies geschehe "auf Wunsch des israelischen Ministerpräsidenten".

So hat er den Ball zurückgespielt. Nun war das Thema endgültig im israelischen Minenfeld zwischen Politik, Pandemie und Religion aufgeschlagen. Sogleich dementierte Benjamin Netanjahu, die Einschränkung verlangt zu haben. Schließlich kann er es sich nicht leisten, die beiden ultra-orthodoxen Parteien in seiner Koalition zu verprellen. Deren Führer nannten den Kurs des Corona-Beauftragten Gamzu einen "Schlag ins Gesicht von Tausenden Bretzlaw-Anhängern" und forderten dessen Ablösung. Schließlich erklärte Netanjahus Mann fürs Grobe, der Likud-Fraktionschef Miki Zohar, kurzerhand: "Die Flüge nach Uman finden statt."

Nun drohte Gamzu mit Rücktritt, bis schließlich der ukrainische Einreisestopp dem israelischen Streit die Spitze nahm. "Wir müssen unsere Bürger schützen und Verantwortung gegenüber unseren ausländischen Partnern zeigen", hieß es dazu aus Kiew. Gamzu erklärte erleichtert: "Das schützt die Gesundheit Tausender Menschen in Israel und in der Ukraine."

Doch das Ende der Pilger-Saga ist damit womöglich noch nicht erreicht. Der israelische TV-Sender Channel 12 meldete, dass bereits rund 2000 Nachman-Anhänger in der Ukraine eingetroffen seien. Gamzu kritisierte am Donnerstag die Führer der ultra-orthodoxen Parteien dafür, dass sie weiterhin Wege suchten, trotz des Einreiseverbots noch Pilger nach Uman fliegen zu lassen.

© SZ vom 28.08.2020

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