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Israel und die Hisbollah:Furcht vor dem Raketenhagel

Israel hat Angst vor Raketen aus dem Libanon

(Foto: AFP)

60.000 Geschosse der libanesischen Hisbollah sollen auf Ziele in Israel gerichtet sein. Die Milizonäre kämpfen auf Seiten Assads. Und je länger der Krieg in Syrien dauert, desto größer wird in Jerusalem die Gefahr eingeschätzt, in den Konflikt hineingezogen zu werden.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Der Feind hat sich an der Grenze festgesetzt. Von den Golanhöhen aus lassen sich die Kämpfe in Syrien mit bloßem Auge beobachten, und auch am Donnerstag ist wieder eine fehlgeleitete Mörsergranate auf der israelischen Seite des Grenzzauns eingeschlagen. Rebellen und Regierungstruppen liefern sich hier seit Längerem schon so heftige Schlachten, dass nicht nur die seit fast 40 Jahren in der Pufferzone stationierten österreichischen Blauhelmsoldaten nun fluchtartig den Rückzug antreten, sondern auch Israel sich verstärkt für den Ernstfall eines neuen Krieges im Norden rüstet. Denn in jüngster Zeit haben sich nach Einschätzung israelischer Sicherheitskreise auch noch Kämpfer der libanesischen Hisbollah auf dem Golan eingenistet - und gewertet wird dies als weiteres Alarmzeichen.

3000 Kämpfer für Assad

Die schiitische Hisbollah-Miliz hat nach israelischen Erkenntnissen inzwischen 3000 Kämpfer an der Seite des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad im Einsatz. Das ist ein beträchtlicher Teil der auf mindestens 10.000 Mann geschätzten Gesamtstärke der libanesischen Miliz, doch die Zahl der nach Syrien gesandten Kämpfer könnte durchaus noch ausgeweitet werden. Die Hisbollah, so heißt es, stecke im syrischen Sumpf - wie tief, das belege allein die Zahl von bislang 200 Todesopfern. Und je länger der Krieg in Syrien dauert, desto größer wird in Israel auch die Gefahr eingeschätzt, direkt involviert zu werden.

Das Szenario dafür hat sich in den vergangenen Monaten deutlich abgezeichnet. Drei Mal schon hat Israel in diesem Jahr Waffentransporte bombardiert, bei denen vermutlich hoch entwickelte Flugabwehr-Raketen von Syrien aus in den Libanon geschafft werden sollten. Die Regierung in Jerusalem hat sich nicht offen dazu bekannt, aber Premier Benjamin Netanjahu hat keinen Zweifel daran gelassen, dass Israel Waffenlieferungen an die Hisbollah "mit allen Mitteln" vereiteln werde. Zugleich wird jedoch in Israel davon ausgegangen, dass die Hisbollah beim syrischen Regime solche Waffen, möglicherweise bis hin zu Chemiewaffen, als Preis für ihre militärische Hilfe einfordert. Der nächste Transport - und damit auch der nächste israelische Angriff - scheint also nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Eine militärische Antwort darauf, die von Damaskus und auch von der Hisbollah bereits angekündigt wurde, könnte dann die Region in Brand setzen.

Milliarden aus Iran

Das letzte Wort hat nach israelischer Einschätzung jedoch nicht die Hisbollah selbst, sondern die Führung in Iran, die in den vergangenen Jahren Milliarden Dollar in die Aufrüstung des Verbündeten investiert haben soll. Alle Appelle von anderer Seite zum Rückzug aus Syrien, wie sie in dieser Woche sowohl von der sunnitischen Hamas aus dem Gazastreifen kamen als auch vom libanesischen Präsidenten Michel Suleiman, einem Christen, müssen demnach wirkungslos bleiben. Denn in Syrien gehe es längst um die regionale Vorherrschaft zwischen Sunniten und Schiiten, und die Hisbollah sei unverzichtbar in der Teheraner Achse.

Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, so glaubt man in Israel, bekomme seine Befehle direkt vom iranischen Revolutionsführer Ayatollah Ali Chamenei. Für Teheran sei es wichtig, die libanesische Miliz als eine Art iranische Division direkt an der Grenze Israels stehen zu haben - für den Fall einer Eskalation des Atomkonflikts ebenso wie einer weiteren Zuspitzung in Syrien.

Dank iranischer Hilfe wäre die Hisbollah für eine Auseinandersetzung mit Israel wohl auch gut gerüstet. Laut israelischen Geheimdienstinformationen hat die Miliz ihre Lektionen aus dem Krieg von 2006 gelernt und insgesamt wieder 60.000 Raketen in ihren Arsenalen.

Versteckt seien die Geschosse in den schiitischen Dörfern Südlibanons ebenso wie in den Schiiten-Vierteln der libanesischen Hauptstadt Beirut - und gerichtet seien sie auf Ziele in ganz Israel: auf die Großstädte Haifa und Tel Aviv, auf Häfen und Industrieanlagen sowie auf Einrichtungen der israelischen Armee. Im Kriegsfall, so wird befürchtet, müsste sich Israel darauf einstellen, dass die Hisbollah täglich 2000 bis 3000 Raketen abschießt. Zum Vergleich: Im jüngsten Gazakrieg im November 2012 schickte die Hamas in einer Woche insgesamt 1500 Raketen gen Israel. Das damals viel gelobte Raketenabwehr-System Iron Dome wäre folglich bei einer Auseinandersetzung mit der Hisbollah überfordert.

© SZ vom 21.06.2013
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