Israel Radikale Hügeljugend

Israels Polizei nimmt einen jüdischen Siedler fest, der gegen den Abriss von Wohnungen im Westjordanland protestiert.

(Foto: Emil Salman/Reuters)

Israel ist entsetzt über nationalreligiöse Siedler, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Die Atmosphäre ist aufgeheizt - nun will die Regierung gegen jüdische Terrorgruppen härter durchgreifen.

Von Ruth Eisenreich

In Jerusalem wird ein 16-jähriges Mädchen bei einer Homosexuellen-Parade erstochen, im Westjordanland stirbt ein 18 Monate alter palästinensischer Junge bei einem Brandanschlag. Die Täter sind offenbar Menschen, die sich als gläubige Juden sehen, sich aber um die zehn Gebote nicht scheren. Als Israels Präsident Reuven Rivlin die Anschläge scharf kritisiert, erhält er Morddrohungen.

Der Jerusalemer Täter kommt aus einer anderen Strömung in der israelischen Gesellschaft als die mutmaßlichen Brandstifter. Er ist wohl ein Einzeltäter, erst vor Kurzem wurde er aus dem Gefängnis entlassen: Schon 2005 hatte er bei der Gay Pride Parade drei Menschen verletzt. Er ist ein Charedi, ein Ultraorthodoxer. Die Charedim machen Schätzungen zufolge knapp zehn Prozent der Bevölkerung aus und leben - ob in Israel oder außerhalb - in abgeschotteten Gemeinschaften streng nach den jüdischen Gesetzen. Traditionell lehnten sie den Staat Israel ab, weil die Juden ihrer Ansicht nach das gelobte Land erst nach der Ankunft des Messias wieder in Besitz nehmen dürften. "Im Lauf der Zeit haben sich viele aber mit dem Staat Israel angefreundet", sagt Micky Drill von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Israel.

Wer den Anschlag im Westjordanland begangen hat, ist noch nicht klar, zugeschrieben wird er aber einer kleinen, extremistischen Gruppe von Siedlern, die "Hilltop Youth" (Hügeljugend) genannt wird.

Viele jüdische Siedler sind wegen der günstigen Hauspreise ins Westjordanland gezogen, andere sind dort geboren und aufgewachsen. Die Ideologen unter den Siedlern sind Teil des nationalreligiösen Lagers, zu dem einer Umfrage zufolge etwa 20 Prozent der jüdischen Israelis gehören. Die Nationalreligiösen kombinieren Zionismus - ursprünglich eine säkulare, eher linke Bewegung - und Religion. "Der Mainstream unter den Siedlern und unter den Nationalreligiösen ist nicht radikal", sagt Micky Drill, "aber es gibt kleine fanatische Gruppen." Diese lehnten nicht nur Kompromisse bei der Grenzziehung ab, sagt Drill; sie wünschten sich statt des "jüdischen und demokratischen" Staats, als der sich Israel definiert, einen, in dem nur die religiösen Gesetze gelten.

Die Extremisten greifen auch die israelische Armee an

Diesem Umfeld entspringt die Hügeljugend, die aus einigen Dutzend bis einigen Hundert Menschen bestehen soll. Wenn im Westjordanland palästinensische Olivenhaine oder Moscheen brennen, findet sich am Tatort oft der gesprayte Schriftzug "Tag Mechir" ("Preisschild"): Die Anschläge sollen Zugeständnisse der Regierung an die Palästinenser "verteuern" und dadurch verhindern. Auch die israelische Armee greifen die Extremisten an. Die Dachorganisation der Siedler verurteilt offiziell jede Gewalt und fordert ein Ende der Preisschild-Anschläge. Drill vermutet, das sei durchaus ehrlich gemeint: "Die Anschläge schaden der Siedlerbewegung ja."

Die Hügeljugend ist nicht die erste Gruppe, die zeigt, dass auch Juden rechtsextrem sein können. So etwas wie der Urvater der israelischen Rechtsextremen war der Rabbiner Meir Kahane. Seine rassistische Kach-Partei wurde 1994 verboten, nachdem der Kach-Aktivist Baruch Goldstein am Grab der Patriarchen in Hebron 29 betende Palästinenser erschossen hatte. Aber Kahanes Lehren haben am ganz rechten Rand bis heute Einfluss, etwa auf die Organisation Lehava, die dazu auffordert, jüdisch-arabische Ehepaare zu denunzieren. Und Goldstein soll Jigal Amir inspiriert haben, der 1995 den israelischen Premierminister Jitzchak Rabin erschoss. Extremistische Rabbiner hatten zwei verstaubte jüdische Gesetze ausgegraben und mit deren Hilfe Rabin, der Frieden mit den Palästinensern suchte, als Verräter gebrandmarkt, den man töten dürfe.

Als Zentrum der jüdischen Terroristen gilt heute die Religionsschule "Od Josef Chai" in der Siedlung Yitzhar. Einer ihrer Rabbiner stellte in einem Buch Überlegungen dazu an, wann Juden Nichtjuden töten dürfen. "Ein Extremist kann alles aus dem Zusammenhang reißen und verdrehen", sagt Avichai Apel, Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland: "Aber es gibt im Judentum Regeln für die Interpretation der Thora. Die Extremisten haben mit dem Judentum nichts zu tun." Der Rabbiner Barry Leff hielt den Terroristen schon 2011 in der Jerusalem Post all die jüdischen Gesetze vor, die sie mit ihren Preisschild-Anschlägen verletzten.

Die Atmosphäre in Israel sei derzeit fast so aufgeheizt wie zur Zeit des Rabin-Mordes, sagt Drill. Ganz anders sei aber die Reaktion der politischen Elite: "Damals haben die extremen Rechten eifrig gegen Rabin gehetzt. Diesmal haben alle, auch die Rechten, die Anschläge scharf verurteilt." Kritiker bis hin zum Präsidenten sagen, der Staat sei bisher zu lax gegen jüdische Terroristen vorgegangen. Nun soll sich das ändern. Die Regierung will die umstrittene Verwaltungshaft, mit der Verdächtige monatelang ohne Anklage festgehalten werden können, in Zukunft nicht mehr nur auf palästinensische, sondern auch auf jüdische Terroristen anwenden. Das droht nun etwa dem am Montag festgenommenen Enkel des rechtsextremen Rabbiners Kahane, der für einen Brandanschlag auf eine katholische Kirche im Juni verantwortlich sein soll. "Ich als Zweckoptimist habe das Gefühl, dass dieser Schock wirklich etwas verändern wird", sagt Drill. "Ich hoffe und glaube, die Täter werden viele Jahre hinter Gittern verbringen."