bedeckt München 22°

Israel:Protest gegen Minister

Forscherinnen legen Ämter in einer deutsch-israelischen Stiftung nieder, da Wissenschafts­minister Ofir Akunis sich in ihre Personalpolitik einmischt. Er berief einen ihm ideologisch nahestehenden Professor.

Von Moritz Baumstieger

Yael Amitai ist Neurowissenschaftlerin, an der Ben-Gurion-Universität in Beer Scheva beschäftigt sie sich vor allem mit dem Neocortex von Säugetieren, einem Teil der Großhirnrinde. Ihr Forschungsgebiet ist denkbar unpolitisch, dennoch steht Amitai seit mehr als einem Monat im Mittelpunkt eines durch und durch politischen Streits. Seine neuste Wendung führte dazu, dass zwei deutsche Wissenschaftlerinnen ihre Sitze im Kuratorium einer israelisch-deutschen Forschungsstiftung aufgaben. Zuvor hatten bereits mehr als 460 israelische Hochschuldozenten angekündigt, nicht mehr mit der Institution zusammenarbeiten zu wollen.

Der Protest der Professoren richtet sich nicht gegen die Hirnforscherin, sondern gegen Israels Wissenschaftsminister Ofir Akunis. Der Politiker der rechten Likud-Partei hatte Amitai im Juli die Zustimmung zu ihrer Berufung in das Kuratorium der Deutsch-Israelischen Stiftung für Forschung und Entwicklung (GIF) verweigert - weil ihm die Privatmeinung der Forscherin nicht gefiel: 2005 hatte Amitai seiner Darstellung nach zur Wehrdienstverweigerung aufgerufen, was gegen israelisches Recht verstößt. Amitai widerspricht: Sie habe eine Petition gezeichnet, die jungen Akademikern Sympathie und "Unterstützung" zusicherte, die nicht in besetzten Gebieten dienen wollten - ein Unterschied.

Ofir Akunis berief einen ihm ideologisch nahestehenden emeritierten Professor

Die israelischen Hochschullehrer, die nun protestieren, sehen die Unabhängigkeit der Wissenschaft in Gefahr: Wenn schon private Meinungsäußerungen universitäre Karrieren hemmen - wie wird dann erst mit akademischen Positionen verfahren, die der Regierung nicht passen? Manche gehen mit ihrer Kritik über den Fall Amitais hinaus: Kurz bevor Akunis die ihm nicht genehme Wissenschaftlerin verhindert hat, berief er einen ihm ideologisch nahestehenden emeritierten Professor für Chirurgie: Yehuda Skornick ist Mitglied von Siedlerorganisationen und steht militanten rechten Kreisen nahe. Gemeinsam mit dem Komitee israelischer Hochschulrektoren hat Amitai nun das Oberste Gericht Israels angerufen, das sich am 11. November mit dem Fall befassen wird.

Yael Amitai wird bei der Verhandlung sicherlich erzählen, wie sie im Juli ihre Arbeit für das 1986 gegründete GIF schon aufgenommen hatte. Die Stiftung verfügt über ein Kapital von 211 Millionen Euro, das es ihr erlaubt, über 12 Millionen jährlich als Zuschüsse für Forschungsprojekte zu geben. Das Kuratorium, das aus drei israelischen und drei deutschen Mitgliedern besteht, bestimmt, wer die Förderung bekommen soll - Amitai beugte sich damals im Juli gerade über solche Anträge, als ein Anruf aus dem Ministerium sie stoppte. Mittlerweile sind im Kuratorium nur noch die Hälfte der Sitze besetzt, nachdem am Wochenende zwei der drei deutschen Mitglieder zurücktraten. Die Berliner Psychologin Brigitte Röhler und die Hamburger Historikerin Ute Frevert erklärten, Akunis habe der GIF "einen schweren Reputationsschaden" zugefügt. Im Interview mit einem israelischen Radiosender wurde Frevert noch deutlicher: Ihr sei "diese Art von politischer Intervention in Wissenschaft aus demokratischen Ländern nicht bekannt", sagte sie.

© SZ vom 30.08.2018

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite